Fachartikel.

Hör mir doch richtig zu!

Auditive Verarbeitungs- und Wahrnehmungsstörungen

Vorbemerkung

Dieser Beitrag basiert auf einem Vortrag, den ich im Januar 2006 im Rahmen einer Veranstaltung von pro audito Chur hielt. Bei der Bearbeitung der entsprechenden Literatur aus dem Bereich der Hörgeschädigten-Pädagogik bin ich auf viele Berührungspunkte zwischen den Autoren und dem Affolter-Modell® gestossen. Dies gilt insbesondere für jene Autoren, die sich mit der Frage beschäftigen, inwieweit auditive Verarbeitungs- und Wahrnehmungsstörungen wirklich als isoliertes Phänomen zu betrachten sind.

Kürzlich ist es wieder passiert: Ein Kollege spricht mich auf Schweizerdeutsch an. Ich bin mit meinen Gedanken noch an einem anderen Ort, muss daher nachfragen – und was macht der höfliche Kollege? Er wechselt ins Schriftdeutsche. Ein ganz alltägliches Beispiel für die enge Verquickung von Hören, Zuhören und (vermeintlichem Nicht-)Verstehen.

Können Sie mich hören?

Die Antwort auf diese Frage ist zunächst rein physikalischer beziehungsweise medizinischer Natur. Entweder ist das Hörvermögen eines Menschen intakt oder es kann durch eine ausreichende Verstärkung mittels eines Hörgerätes unterstützt werden. Hören ist abhängig von gutem Gehör bzw. von einem gut funktionierenden Hörgerät.

Können Sie mich auch verstehen?

Diese Frage ist längst nicht so einfach zu beantworten. Verstehen hängt zunächst einmal davon ab, ob wir uns im selben Kontext befinden. Der Kontext wird unter anderem bestimmt durch den kulturellen Hintergrund, den sozialen Rahmen und die Erfahrung der Individuen. Bestehen hier Unterschiede, redet man schnell einmal aneinander vorbei.

So wird ein muslimischer Scheich in Saudi-Arabien eventuell mit echtem Interesse die Weihnachtsgeschichten von Karl Heinrich Waggerl lesen, ob er sie aber auch so versteht, wie der Autor sie meinte, ist noch unsicherer als die Frage, ob wir sie richtig verstehen. Haben wir mit den handelnden Personen doch zumindest den kulturellen Hintergrund und annähernd die Erfahrungen (z.B. von Kälte und Schnee) und den sozialen Rahmen gemeinsam.

Weiterhin ist Verstehen abhängig von der Befindlichkeit des Zuhörers. Hier spielen die emotionale Gestimmtheit und die augenblicklichen Bedürfnisse eine grosse Rolle. Verstehen setzt unter anderem voraus, dass ich mir z. B. Zeit zum Zuhören nehmen kann. Es kann jedoch durchaus vorkommen, dass ich – aus welchen Gründen auch immer – hierzu weder bereit noch in der Lage bin.

Hier liegt eine der vielen Fallen für Menschen mit einer auditiven Verarbeitungs- und/oder Wahrnehmungsstörung (AVWS).

Weil jeder von uns Situationen kennt, in denen er oder sie genau diese Bereitschaft nicht hatte und selber daher auch nicht zugehört hat, ist man schnell einmal bereit, eine „Verweigerung“ beim Gegenüber anzunehmen. „Nie hörst Du mir zu!“, „Sie nimmt mich nicht ernst“ sind Stossseufzer, die aus solchen Kommunikationsproblemen entstehen. Dabei mangelt es nicht an Bereitschaft, sondern an der Organisation von auditiven Verarbeitungs- und Wahrnehmungsprozessen.

Verstehen ist also abhängig von

  • Kontext
  • Befindlichkeit
  • Verarbeitungs- und Wahrnehmungsprozessen

Wie hören wir?

Hören ist zunächst ein physikalischer Vorgang. Wenn ich spreche, versetze ich die Luft um mich herum in Schwingungen. Diese dringen durch den Gehörgang zum Trommelfell vor, das nun seinerseits in Schwingungen gerät.

Fest verbunden mit dem Trommelfell ist eines der Gehörknöchelchen im Mittelohr, der so genannte Hammer. Er schlägt auf den Amboss, der den Schlag an den Steigbügel weiterleitet. Dieser klopft an das ovale Fenster zwischen Mittelohr und Innenohr und versetzt so die im Innenohr befindliche Flüssigkeit in Bewegung.

Mit dieser Bewegung geraten auch die auf der Basilarmembran angeordneten feinen „Härchen“ in Schwingungen. Sie setzen diese Schwingungen in elektrische Energie um, die über den Hörnerv weiter an das Gehirn geleitet wird.

Im Rahmen dieser Prozesse werden verschiede Leistungen organisiert

  • Schallquellen werden geortet → Richtungshören
  • Nutz- und Störschall werden getrennt → Herausfiltern bedeutsamer sprachlicher Informationen
  • Dichotisches Hören → zwei verschiedene Sprachinformationen werden gleichzeitig aufgenommen und verarbeitet
  • Auditive Diskrimination → Geräusche, Töne, Rhythmen und Sprachlaute werden erkannt und unterschieden
  • Auditive Aufmerksamkeit
  • Auditive Analyse → akustische Gestalten können in einzelne Elemente zergliedert werden → bedeutsam für die Rechtschreibung
  • Auditive Merkfähigkeit → akustische Informationen werden für die Weiterverarbeitung gespeichert und bei entsprechender Gelegenheit aus der Speicherung hervorgeholt
  • Auditive Synthese → aus Einzelelementen wird eine akustische Gestalt → bedeutsam für den Lese-Lernprozess
  • Auditive Ergänzung → Fragmente werden sinnvoll ergänzt. Diese nicht nur rein auditive Leistung – sie ist abhängig von Wortschatz, Erfahrung und Situationsverständnis – hilft unter anderem dem „nur“ peripher Hörbehinderten, sein Gegenüber zu verstehen.
  • Zeitauflösung → Erfassung der zeitlichen Struktur von Schallereignissen → bedeutsam für die Rechtschreibung Lautheitsempfinden

Menschen  mit auditiven Verarbeitungs- und Wahrnehmungsstörungen haben in einigen – in schweren Fällen in allen – Leistungsbereichen Probleme

Warum hören wir nicht/warum scheinen wir nicht zu hören?

Störungen des Hörvermögens können verschiedene Ursachen haben. Im Bereich der peripheren Hörschädigungen unterscheiden wir zwischen Schallleitungsstörungen und Schallempfindungsstörungen.

Schallleitungsstörungen

Treten im Bereich der Weiterleitung des Schalls, also in der Kette Gehörgang – Trommelfell – Gehörknöchelchen – Ovales Fenster, Beeinträchtigungen auf, sprechen wir von einer Schallleitungsstörung. Diese kann temporär sein, zum Beispiel, wenn das Trommelfell während einer Mittelohrentzündung verhärtet ist oder wenn eine Erkältung den Druckausgleich durch die Paukenhöhle verringert. Häufige Mittelohrentzündungen können jedoch auch die Gehörknöchelchen schädigen, sodass aus der temporären Beeinträchtigung eine Behinderung wird. Diese besteht ebenso, wenn die Gehörknöchelchen missgebildet sind oder das Mittelohr als solches geschädigt ist.

Schallempfindungsstörungen

Wir sprechen von einer Schallempfindungsschwerhörigkeit, sofern die Funktion des Innenohres eingeschränkt ist. Zum Beispiel aufgrund von Schädigungen während Schwangerschaft und/oder Geburt, aufgrund erblicher Disposition oder aufgrund einer der vielfältigen immer noch nicht bekannten Ursachen. In diesen Fällen sind entweder einige umschriebene Gebiete oder alle Haarzellen betroffen. Das heisst, es kommt entweder zu Ausfällen in kompletten Frequenzbereichen (z.B. Hochton-Schwerhörigkeit) oder zu einer verminderten Leistung im gesamten Hörbereich. Ist das Hörvermögen intakt und scheinen dennoch Probleme im Umgang mit auditiven Informationen zu bestehen, stellen die behandelnden Fachleute häufig folgende Diagnose: zentrale Hörstörungen bzw. Auditive Verarbeitungs- und/oder Wahrnehmungsstörungen (AVWS).

Verarbeitungs- und/oder Wahrnehmungsstörungen (AVWS)

Eine AVWS „liegt vor, wenn zentrale Prozesse des Hörens gestört sind. Zentrale Prozesse des Hörens ermöglichen unter anderem die vorbewusste und bewusste Analyse von Zeit-, Frequenz- und Intensitätsbeziehungen akustischer Signale, Prozesse der binauralen Interaktion (z.B. zur Geräuschlokalisation, Lateralisation und Störgeräuschbefreiung)“ (Ptok et al. 2000). Hier wird „der Begriff Verarbeitung im Sinne einer neuronalen Weiterleitung sowie Vorverarbeitung und Filterung von auditiven Signalen bzw. Informationen auf verschiedenen Ebenen (Hörnerv, Hirnstamm, Kortex) verwendet. Die Wahrnehmung wird als Teil der Kognition im Sinne einer zu höheren Zentren hin zunehmenden bewussten Analyse auditiver Informationen verstanden. Diese kommt durch o. g. Signalverarbeitung (in der Literatur auch als „bot¬tom-up“-Prozesse bezeichnet) und zunehmende Beeinflussung durch Vigilanz, Aufmerksamkeit und Gedächtnis (in der Literatur auch als „top-down“-Prozesse bezeichnet) zustande“ (Ptok et al. 2000). Die Definition von Ptok et al. weist schon auf ein Grundproblem in der Diagnose hin. Sobald ich bei einer auditiven Verarbeitungs- und/oder Wahrnehmungsstörung davon ausgehe, dass diese stark durch so genannte „top-down“-Prozesse beeinflusst ist, stellt sich die Frage, inwieweit wir es mit einer isolierten Problematik zu tun haben. Ptok et al. sagen hierzu in ihrem Konsensus-Statement: "Es ist bisher nicht bekannt, ob diese Störung isoliert nur die Hörbahn betrifft oder ob vielmehr ein generelles Defizit (…) vorliegt" (Ptok et al. 2000). Auf den ersten Blick rein "auditive Probleme" lassen daher keinen endgültigen Schluss zu. Betrachtet man den klinischen Alltag und die auch im Bereich der Hörgeschädigten-Pädagogik vorgebrachten Argumente, ist eher davon auszugehen, dass der Anteil der Betroffenen mit einer "reinen" auditiven Verarbeitungs- und/oder Wahrnehmungsstörung relativ gering ist. Der Text wird sich daher im Folgenden mit Störungen der zentralen Organisation von Wahrnehmungsprozessen und ihren Erscheinungsformen im auditiven Bereich befassen. Eine AVWS kann dabei durchaus auch als Symptom einer Wahrnehmungsstörung auftreten, wie sie durch die Stiftung wahrnehmung.ch definiert wird:

"Unter einer Wahrnehmungsstörung verstehen wir eine Beeinträchtigung in der Organisation taktil-kinaesthetischer und/oder intermodaler und/oder serialer Wahrnehmungsprozesse" (Affolter, 1989).

Diese Diagnose der ‚zentralen Wahrnehmungsstörung’ orientiert sich nicht an genau um¬schriebenen defizitären Leistungen, die ein Kind aufweist, sondern an der Art und Qualität der Informationsverarbeitung, die aus dem Verhalten des Kindes interpretiert wird.

Ursachen

Fragt man nach den Ursachen, ergeben sich bei den meisten Patienten aus der Vorgeschichte keinerlei Hinweise. Häufungen ähnlicher oder gar der gleichen Probleme in einigen Familien lassen vermuten, dass ein Teil der auditiven Verarbeitungs- und/oder Wahrnehmungsstörungen genetisch bedingt sind. Weiterhin weiss man von Schädigungen, die im Verlauf von Schwangerschaft und Geburt ebenso wie durch Krankheiten (Meningitis, sonstige Infektionskrankheiten …) erworben wurden. Eine Vielzahl erwachsener Patienten leidet nach Hirnverletzungen/Hirnschädigungen (z.B. durch SHT, Schlaganfälle, Sauerstoffmangel) an Wahrnehmungsstörungen. Handelt es sich um eine isolierte AVWS können zwei weitere Faktoren eine erhebliche Rolle spielen: Die Forschung geht davon aus, dass die oben beschriebenen Prozesse im Bereich der auditiven Verarbeitung und Wahrnehmung im Verlauf der kindlichen Entwicklung immer weiter verfeinert werden. Man nimmt an, dass die sensible Phase für die Entwicklung der Hörbahn ungefähr mit dem Eintritt in das Schulalter beendet ist. Hat also ein Kind bis zu diesem Alter immer wieder mit Mittelohrproblemen zu kämpfen, wird seine „Hörbilanz“ negativ beeinflusst. Der verschlechterte Input führt zu Beeinträchtigungen in der Verarbeitung; das neuronale Netzwerk ist weniger differenziert. Ähnlich kann es einem Kind ergehen, das aufgrund eines reduzierten akustischen und sprachlichen Angebotes zu weniger Input kommt bzw. derart mit akustischen Angeboten (permanent laufender Fernseher, Videospiele der Geschwister etc.) überschüttet wird, dass es ihm erschwert wird, die nützlichen und sinnvollen Informationen herauszufiltern und mit deren Verarbeitung entsprechende Bahnungen voranzutreiben.

Auswirkungen

Sprech- und Sprachentwicklungsstörungen

Wenn es um die zentrale Verarbeitung und Wahrnehmung geht, kann man die einzelnen Leistungen nur bedingt isoliert betrachten. Jede hat ihren Platz im Gesamtsystem der Sinnesleistungen. In der Entwicklung fliessen alle diese Leistungen zusammen; der Mensch funktioniert als Ganzheit. So bilden sich auch sprachliche Begriffe im Rahmen ganzheitlicher Prozesse. In sinnvollen Zusammenhängen erworbene gespürte Erfahrungen, sonstige Sinneseindrücke und Bewegungsmuster fliessen ineinander und schaffen unser semantisches Netz. Dieses semantische Netz scheint bei vielen Menschen mit AVWS nur bruchstückhaft zu sein. Die Schwierigkeiten, die viele Kinder mit Wahrnehmungsstörungen im Bereich der Mathematik haben, können z. B. in einem engen Zusammenhang damit gesehen werden, dass sie die den mathematischen Grundbegriffen zugrunde liegenden Erfahrungen nicht angemessen verarbeiten und damit auch nicht im semantischen Netz speichern. Wenn es dann um die mathematischen Operationen geht, bleibt das Gelernte sozusagen auf der Oberfläche und hat wenig Chancen, nachhaltig gespeichert zu werden. Ebenso fällt es den Betroffenen schwer, Zwischentöne zu erkennen, die eine sprachliche Mitteilung begleiten.

Hierzu ein Beispiel aus meiner Kinderzeit.

Mein Cousin beschwerte sich nach einem mit seinem Vater besuchten Gottesdienst darüber, dass ihn dieser während der Messe angebrüllt habe. Auf den berechtigten Einwand meiner Tante, dass mein Onkel im Gottesdienst sicher nicht herumbrülle, antwortete mein Cousin empört: „Oh doch, er hat mich leise angebrüllt!“ Hier haben wir ein gesundes Kind, das aus dem Miteinander von Mimik, sprachlicher Botschaft und Situation richtig schliesst, dass seinem Vater der Geduldsfaden gerissen ist und dieser, wenn er nur könnte, brüllen würde. Gleichzeitig fehlt ihm aber noch die Möglichkeit, diese Situation mit einem korrekten Begriff, z.B. „anzischen“, zu umschreiben, und er liefert mit dem seiner Äusserung innewohnenden Widerspruch Stoff für eine Familienanekdote. Einige Jahre später wäre sein Begriffsschatz ausreichend differenziert gewesen, um die Situation genauer zu beschreiben. Hier ist der Mensch mit einer Wahrnehmungsstörung oft auch als Erwachsener gehandicapt.

Liegt ein grundsätzliches Organisationsproblem vor, sind die Probleme, die auf den ersten Blick allein in einem Bereich, wie z.B. in der auditiven Verarbeitung und Wahrnehmung liegen, möglicherweise Ausdruck von Beeinträchtigungen in der Organisation zentraler Wahrnehmungsprozesse taktil-kinaesthetischer, intermodaler oder serialer Art (Affolter 1976). Dies kann dann auch Auswirkungen auf die kognitiven, motorischen und emotionalen Prozesse haben:

Persönlichkeitsstörungen

Da Menschen mit einer gestörten zentralen Verarbeitung und Wahrnehmung auditiver Informationen oft fälschlich als schlechte Zuhörer betrachtet werden – Zuhören ist ein aktiver Vorgang, wer nicht richtig zuhört (zuhören kann), verweigert sich (scheinbar) seinem Umfeld und wird entsprechend ausgegrenzt – fühlen sie sich oft diesem Umfeld nicht mehr zugehörig. Sie ziehen sich zurück und vereinsamen. Der Anteil der Menschen mit psychischen Problemen bis hin zur suizidalen Gefährdung ist bei Menschen mit nicht oder spät behandelten (zentralen) Hörstörungen entsprechend hoch.

Lernstörungen in den sprachrelevanten Bereichen

Oft resultieren aus einer Wahrnehmungsstörung Lese-Rechtschreibprobleme, die nicht selten zu Schulunlust und entsprechend schlechteren schulischen Leistungen sowie einem verminderten Selbstwertgefühl führen.

Erscheinungsbilder/Diagnostik

Periphere Hörstörungen

Periphere Hörstörungen können mit den heute vorhandenen technischen und diagnostischen Möglichkeiten schon sehr früh erkannt und behandelt werden. Ein Problem bildet hier sicher die Altersschwerhörigkeit, die sich „einschleicht“, und daher oft viel zu spät erkannt und behandelt wird. Leichtgradige Hörstörungen bei Kindern werden oft nur durch ihre Auswirkungen auf die Sprache und das Verhalten erkannt. Dies führt zu einem mangelnden Input in den sensiblen Phasen (s. o.).

Auditive Verarbeitungs- und/oder Wahrnehmungsstörung

Die Diagnose von AVWS beschäftigt die Forschung seit Anfang der 90er-Jahre intensiv. Dabei ergeben sich in verschiedenen Bereichen Probleme:

  • Eine differenzierte Unterscheidung in der Diagnose zwischen einer modalitätsspezifischen AVWS (bottom-up → nur die Verarbeitung von auditiven Reizen ist betroffen) und AVWS als Teilsymptom einer übergreifenden Störung (top-down → die Organisation von Wahrnehmungsprozessen ist allgemein beeinträchtigt) erweist sich als besonders schwierig.
  • In vielen Fällen ist AVWS eine Teilstörung in einem Störungskomplex, zu dem auch Störungen des Spracherwerbs gehören. Als Beispiel sei hier die intermodale Wahr¬nehmungsstörung genannt.
  • Ebenso können Verständnisprobleme, die aufgrund mangelnder Begriffsbildung im Rahmen einer taktil-kinaesthetischen Wahrnehmungsstörung auftreten, zu Fehlinterpretationen seitens des Umfeldes führen.
  • Die meisten Wahrnehmungsstörungen treten nicht isoliert auf. Kinder mit auditiven Wahrnehmungsstörungen können z. B. Probleme im motorischen Bereich oder Schwächen im taktil-kinaesthetischen Bereich haben.
  • Fachleute sehen durchaus die Möglichkeit, dass AVWS auch bei Kindern mit peripheren Hörstörungen oder einer Lernbehinderung vorliegen kann.

Wer lediglich das auditive Gedächtnis (bzw. auditive Leistungen) testet, wird keine Aussage darüber bekommen, ob die Gedächtnisleistung auch im visuellen Bereich oder generell gestört ist. Diagnostik von AVWS muss also immer interdisziplinär erfolgen. Intelligenz, allgemeine Gedächtnisleistungen und Aufmerksamkeit sollten überprüft und mindestens als durchschnittlich bewertet sein. Ausserdem muss AVWS in der Differentialdiagnose von Aufmerksamkeitsstörungen, spezifischen Spracherwerbsstörungen, Lese-Rechtschreibstörungen und kognitiven Beeinträchtigungen abgegrenzt werden. Dies erfordert entweder umfangreiche Testungen (Umfang etwa 5-6 Stunden) oder den interdisziplinären Austausch der Befunde. Hier dürfte ausreichend Material vorhanden sein, da der Verdacht auf AVWS häufig nicht der erste in der "Untersuchungskarriere" eines Kindes ist.

Wann sollte man ein Kind auf AVWS untersuchen? 

Herbert Konken hat an einer Tagung in Meppen (D) eine Checkliste zur Verhaltensbeobachtung  zusammengestellt. Sie beinhaltet Indikatoren für eine Auditive Verarbeitungs- und/oder Wahrnehmungsstörung.

  • Andauernd übermässig lautes Sprechen
  • Allgemein "lärmig" im Umgang
  • Andauernd auffällig monotones Sprechen
  • Andauernd übermässig leises Sprechen
  • Langes Andauern gewisser Sprachfehler (f, s, sch …)
  • Allgemeine Verhaltensunsicherheit
  • Schaut oft, was die anderen machen
  • Viele Rückfragen, Vergewisserungsfragen
  • Relativ häufiges unmotiviertes ("unerklärliches") Erschrecken, z.B. wenn jemand von hinten an das Kind heran tritt.
  • Reagiert schlechter in lauten oder halligen Räumen
  • Inhaltlich von der Frage abweichende Antworten
  • Inhaltlich von der Aufforderung abweichende Leistungen
  • Verwechseln ähnlich klingender Wörter: Fisch-Tisch, Kopf-Topf
  • Besseres Aufgabenverständnis in Einzel- oder Kleingruppensituationen
  • Auffälliges Interesse an Mundbewegungen und Mimik
  • Reklamation, wenn zu leise gesprochen wird
  • Orientierungslosigkeit bei Ansprache
  • Durch andere Reize (visuell oder auditiv) schnell abgelenkt
  • Kein oder nur kurzzeitiges Interesse an Geschichten
  • Deutlich eingeschränkte auditive Merkfähigkeit (Abzählreime, Liedtexte usw.)

(Konken 2000).

Zeigt ein Kind hier Auffälligkeiten, sollten seine auditive Verarbeitung und Wahrnehmung untersucht werden. Ansprechpartner für eine solche Untersuchung können sowohl die Pädaudiologie – also der auf Kinder spezialisierte Zweig der Ohrenheilkunde – als auch die Pädagogische Audiologie sein, das heisst der Teil der Hörgeschädigten-Pädagogik, der sich mit der Erfassung von Hörstö¬rungen im weitesten Sinne befasst. Letztere insbesondere deshalb, weil AVWS ein Symptomkomplex ist, in dem die auditiven Leistungen zwar eine hervorragende Rolle spielen, Intelligenz, Aufmerksamkeit und allgemeine Gedächtnisleistungen aber ebenfalls von grosser Bedeutung sind. Insbesondere muss hier ein Augenmerk auf die Aufmerksamkeit gelegt werden, da alle subjektiven Tests aufmerksamkeitsabhängig sind. Mit diesen arbeiten die meisten Testbatterien. Sie ermitteln Störungsprofile; bei komplexen Störungsbildern ist dabei oft eine interdisziplinäre Zusammenarbeit unabdingbar (Fachmedizin, Hörgeschädigtenpädagogik, Sprachheilpädagogik/Logopädie, Psychologie, Ergotherapie u. a.). Einige der beteiligten Disziplinen haben entsprechende Testbatterien zusammengestellt. Wohlleben hat 14 gängige Testverfahren zur Untersuchung der auditiven Verarbeitung und Wahrnehmung einer Sensitivitäts- und Spezifizitätsanalyse unterzogen. Das heisst, sie hat untersucht, ob diese Testbatterien die Kinder mit einer AVWS wirklich erfassen, bzw. ob sie gesunde oder anders beeinträchtigte Kinder nicht künstlich mit einer AVWS versehen. Dabei hat sie festgestellt, dass die Trennschärfe der verwendeten Tests kritisch zu bewerten ist, und sie bezeichnet es daher als problematisch, die Diagnose zu stellen – selbst wenn in mehr als zwei Tests auffällige Leistungen erbracht wurden. Einer intensiven Diskussion bedürfen auch noch die Festlegung eines Störungsprofils und die Schweregrade. Vor diesem Hintergrund sollte insbesondere die Frage nach generellen Problemen im Bereich der Organisation von Wahrnehmungsprozessen bei den Betroffenen nicht aus den Augen verloren werden. Eine entsprechende Abklärung kann eventuell mehr Klarheit bringen als eine schwerpunktmässig auf die Verarbeitung von auditiven Informationen ausgerichtete Untersuchung.

Hilfen, Therapien und Fördermöglichkeiten

Allgemeine Hinweise

Menschen mit AVWS sind auf das Verständnis und die Hilfe ihres Umfeldes angewiesen. Die Umgebung sollte ihren besonderen Bedürfnissen entsprechen. Z. B. sollten hallige Räume nach Möglichkeit verändert und für eine günstige Position der Betroffenen bei der Aufnahme von verbalen Informationen gesorgt werden. In der Kommunikation können die Menschen in der Umgebung Hilfe leisten, indem sie folgende Regeln befolgen:

Häuslicher Alltag

  • Sprechen Sie in kurzen Sätzen.
  • Berühren Sie vielleicht auch Hände oder Unterarme Ihres Gegenübers.
  • Achten Sie beim Erzählen auf logische und nachvollziehbare Gedankengänge.
  • Machen Sie Pausen, damit Ihr Gesprächspartner das Gehörte verarbeiten kann.
  • Fordern Sie Antworten in Sätzen ab, wenn Sie sicher sein wollen, dass Sie verstanden wurden. Verbessern Sie Sprechfehler nicht, wiederholen Sie das Wort richtig.

Schule

Das Kind kann besser hören und verstehen, wenn

  • wichtige Informationen in seiner Nähe und ihm zugewandt gegeben werden
  • es in der Nähe der Lehrkraft sitzt
  • die Banknachbarn ruhige Kinder sind
  • es allein sitzt
  • die Gesprächsdisziplin eingehalten wird
  • das bessere Ohr der Klasse bzw. dem Lehrer zugewendet werden kann
  • visuelle Hilfen gegeben werden

Das Sprachverstehen wird besser gesichert, wenn

  • das Kind zum Nachfragen ermutigt wird
  • häufiges Nachfragen nicht als Konzentrationsmangel oder Unaufmerksamkeit interpretiert wird
  • häufig wiederholt und zusammengefasst wird

Das auditive Gedächtnis wird unterstützt, wenn

  • Aufträge und Wiederholungen in einfachen, kurzen Sätzen gegeben werden
  • Kopfrechenaufgaben schriftlich vorliegen
  • Hausaufgaben notiert werden
  • Aufträge vom Kind wiederholt werden

(Beduhn et al. 2001).

Prinzipiell wird das betroffene Kind Begriffe leichter speichern, wenn es sie im Rahmen der gespürten Auseinandersetzung mit Problemen im Alltag erworben hat. Das heisst, dass der mit der Vergrösserung der Klassen zwangsläufig wieder im Gewand neuer Medien (Computerarbeit; Power-Point-Präsentationen) verstärkt eingesetzte "Anschauungsunterricht" alter Prägung diese Kinder in ihrer Begriffsbildung nur bedingt unterstützt.

Therapien und Fördermöglichkeiten

Im Laufe der vergangenen Jahre wurde eine Reihe von Trainingsprogrammen und Förderkonzepten zur Behandlung der AVWS entwickelt.

Als Beispiel seien hier genannt:

  • Würzburger Trainingsprogramm zur Vorbereitung auf die Schriftsprache
  • Abgestuftes Konzept zur Vorbeugung von LRS (Schleswig-Holstein)
  • Therapiekonzept nach Lauer
  • Training mit dem Brain-Boy

Diese Programme versuchen, die betroffenen Wahrnehmungsbereiche zu trainieren. Hier finden einerseits technische Hilfsmittel Verwendung. Diese können durchaus als visueller Einstieg in auditive Stimuli zum Training für Erwachsene oder vom Kind in der Stillbeschäftigung genutzt werden. (Sie sind allerdings für die Therapie von AVWS nur bedingt einsetzbar, da sie aussersprachliche Stimuli, wie Geräusche, und Musik benutzen, für die im Gehirn andere Bereiche angelegt sind.) Andererseits werden Programme mit Lauschspielen, Reimen, Sätzen, Wörtern, Silben usw. für tägliche Übungssituationen zusammengestellt. Die ganzheitliche Sicht im therapeutischen Prozess sollte dabei aber nicht verloren gehen, und eine intermodale Wahrnehmungsförderung oder eine Sprachtherapie kann so nicht ersetzt werden. Ziel einer solchen Therapie muss die Förderung einer prinzipiellen Hörhaltung und der Kommunikationsfähigkeit sein. Die sensiblen Phasen für die Entschlüsselung kommunikativer Inhalte beginnen bereits im letzten Schwangerschaftsmonat. Dort setzt sich das Kind mit den Inhalten auseinander, die durch die Prosodie mitgeteilt werden (Fragehaltung, Zuwendung, Zorn usw.). Wenn man diese Tatsache berücksichtigt, kann man erwarten, dass Kinder, die Probleme in der Verarbeitung und Wahrnehmung dieser auditiven Informationen haben, auch in der weiteren Entwicklung der Kommunikation behindert sind. Will ich diese Entwicklungsrückstände angehen, muss ich sinnvolle Lernsituationen schaffen. Zuhören lernt man nur in der Interaktion. Ein Kind, dem vorgelesen wird, kann in der Aufrechterhaltung seiner Aufmerksamkeit anders unterstützt werden, als ein Kind, das einer CD "zuhört", während um es herum das Familienleben weiter läuft. Medien sind keine Kommunikationspartner. Haben die Kinder Probleme im dichotischen Hören, kann durch diese Art der Berieselung die Kommunikation sogar noch behindert werden. Hier muss die Elternarbeit Verständnis und aktive Mitarbeit in den Familien zu bewirken versuchen. Dies auch deshalb, weil ein grosser Teil der Förderung sozusagen "nebenbei" im Alltag stattfinden kann. Hier kann die Aufmerksamkeit für Höreindrücke geweckt werden. Je häufiger ein Kind im Alltag auf akustische Eindrücke gezielt aufmerksam gemacht wird, desto bessere Chancen hat es, seine Wahrnehmung zu entwickeln. Ein Waldspaziergang mit der Familie oder Hinweise auf Geräusche in der Wohnung bieten "Lernmaterial" in Fülle. Gleichzeitig ist es möglich, die Begriffsbildung auch in der Familie zu unterstützen, indem die Eltern dazu angeleitet werden, ihr Kind in die Auseinandersetzung mit dem Alltag aktiv mit einzubeziehen und die so erworbenen gespürten Erfahrungen mit Sprache zu verbinden. In der Schule brauchen die Kinder eine umfassende, mehrdimensionale Förderung. Grundlage sollte der hörgerichtete Spracherwerb mit seinen Bestandteilen Hörerziehung, Gesprächserziehung und Tagebuch sein. Um die vernetzte Speicherung des Gelernten zu erleichtern, sollte die Förderung in sinnvollen Zusammenhängen erfolgen. Und was bietet sinnvollere und leichter nachvollziehbare Zusammenhänge als der Alltag? Dieser kann auch die Grundlage für die ebenso wichtige Förderung in allen Sinnen bieten. Dort bieten sich auch Ansatzpunkte für das „Führen innerhalb alltäglicher Problemlösungen“ (Affolter-Modell®). Klare Strukturen im Tages- und Wochenablauf, aber auch in Kommunikationssituationen helfen den Betroffenen, sich zu orientieren und die auditiv vermittelten Inhalte einzuordnen. Häufige Wiederholungen und sprachliche Redundanz zur Absicherung der Sprachvernetzung auf semantischer und syntaktischer Ebene helfen Kindern mit AVWS und haben noch keinem gesunden Kind geschadet.

Brigitte Pastewka, Sonderpädagogin

Literatur

Affolter, Félicie (1976): Auditive Wahrnehmungsstörungen und Lernschwierigkeiten. Monatsschrift für Kinderheilkunde 124, S. 612 – 615.

Affolter, Félicie (1987): Wahrnehmung, Wirklichkeit und Sprache. Neckar-Verlag, Villingen Schwenningen.

Affolter, Félicie & Bischofberger, Walter (1989): Wahrnehmung und Sprache. In: M. Grohnfeldt (Hrsg.): Handbuch der Sprachtherapie, Bd. 1.

Baschek, Volker; Steinert, Wilhelm; Hildebrand, Lydia (2005): Zur Diagnostik zentraler Hörstörungen bei Kindern. Hörgeschädigten Pädagogik Nr. 2, S. 61 – 65.

Beduhn, Renate; Mangold, Klaus; Thormählen, Tanja (2001/2002): Entwicklung und Förderung der auditiven Wahrnehmung (Teil 1 - 3).

Hörgeschädigten Pädagogik 4, S.185 – 189;

Hörgeschädigten Pädagogik 6, S. 291/292;

Hörgeschädigten Pädagogik 1, S. 13 – 15.

Flöther, Manfred (2002): Auditive Verarbeitungs- und Wahrnehmungsstörungen im Schulalter.

SAL-Bulletin Nr. 103, S. 1 – 22.

Flöther, Manfred (2005): Wer dazugehören will, muss gut zuhören lernen - Aspekte der Diagnose, Therapie und Förderung bei Kindern mit AVWS. Hörgeschädigten Pädagogik Nr. 2, S. 52 – 60.

Frerichs, Hajo (1999): Zentral-auditive Verarbeitungsstörung - eine hörgeschädigtenpädagogische Aufgabenstellung. Vortrag an der Landestagung des Bundes Deutscher Hörgeschädigtenpädagogen (BDH).

Konken, H. (2000): Mehrdimensionale Förderung und Behandlung in teilstationärer Form am Beispiel des Zentrums für Hör- und Sprachtherapie. In: Flöther, M.; Knuth, R.; Backs, M.; Konken, H. & Linder, S: Zentralauditive Verarbeitungs- und Wahrnehmungsstörungen im Vorschulalter. Tagungsbericht am 30.11.2000 in Meppen.

Meister, Hartmut (2005): Psychoakustik und sprachaudiometrische Diagnostik von auditiven Verarbeitungs- und Wahrnehmungsstörungen - Schwierigkeiten und aktuelle Entwicklungen.

Hörgeschädigten Pädagogik Nr. 2, S. 66 – 70.

Ptok, M.; Berger, R.; von Deuster, Chr.; Gross, M.; Lamprecht-Dinnesen, A.; Nickisch, A.; Radü, H.J.; Uttenweiler, V. (2000): «Auditive Verarbeitungs- und Wahrnehmungsstörungen».

Konsensus-Statement Sprache - Stimme - Gehör Nr. 24, S. 90 – 94.

Schlegel, Bruno (2005): Sprachheilpädagogik für besondere Bildungs- und Therapiebedürfnisse bei schweren auditiven Wahrnehmungsstörungen. Schweizerische Zeitschrift für Heilpädagogik Nr. 7/8; S. 28 – 35.

Schlegel, Bruno (2005): Technische Unterstützung von Kindern mit auditiven Wahrnehmungsstörungen.

Hörgeschädigten Pädagogik Nr. 2, S. 72  – 77.

Schönweiler, R. (1993): Audiometrische, sprachliche, entwicklungspsychologische und soziodemographische Befunde bei 1300 sprachauffälligen Kindern und deren Bedeutung für ein individuelles Rehabilitationskonzept. Sprache - Stimme - Gehör Nr. 17, S. 6 – 1.

Tewes, Uwe; Steffen, Silke; Warnke, Fred (2003): Automatisierungsstörungen als Ursache von Lernproblemen. Sonderdruck aus Forum Logopädie 1 (17).

Warnke, Fred; Hanser, Hartwig (2004): Nachhilfe Ade? Gehirn & Geist Nr. 1, S. 64 – 67.

Wohlleben, Bärbel (2003): Sensitivitäts- und Spezifizitätsanalyse von 14 Testverfahren zur Untersuchung der auditiven Verarbeitung und Wahrnehmung. 20. Wissenschaftliche Jahrestagung der DGPP Deutsche Gesellschaft für Phoniatrie und Pädaudiologie, German Medical Science in: www.egms.de.

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