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E-News wahrnehmung.ch Nr. 2 / 2018.

Persönlich.


«Wir müssen Kinderärzten die Chancen der Affolter-Therapieaufzeigen»

Alex Bubenhofer*, Kinderarzt St. Gallen und Stiftungsratsmitglied Stiftung wahrnehmung.ch

«Beim Eingangsbogen vom Waaghaus»: Das ist der abgemachte Treffpunkt an diesem Morgen. Ich stehe wie abgemacht kurz nach 9 Uhr vor dem Waaghaus beim St. Galler Marktplatz. Obwohl ich ihn nicht kenne, ist mir schnell klar, dass der ältere Herr, der mit dynamischen Schritten und freundlichem Lächeln im Gesicht den Platz überquert, Alex Bubenhofer sein muss. Mein erster Gedanke: ein Kinderarzt, dem man vertraut.

Freundlich und dynamisch, mit einem festen Händedruck, ist dann auch die Begrüssung. Er habe diesen Ort bewusst als Treffpunkt gewählt, meint der St. Galler Kinderarzt. Seine Praxis liege nur einen Steinwurf entfernt an der Kugelgasse.

Schon auf den wenigen Metern bis zur Eingangstüre der Praxis entsteht ein lebhaftes Gespräch. Er erzählt von seinem Werdegang als Kinderarzt, seinem ersten Kontakt mit der Stiftung «Zentrum für Wahrnehmungsstörung» (heute wahrnehmung.ch), seinen Möglichkeiten als Zuweiser.

28 Jahre lang Herz und Wissen: Die Kinderarztpraxis

Wir machen einen Halt vor der dunkelgrünen Haustüre an der Kugelgasse 5. Und da bleiben wir für den Moment auch stehen. Seine beiden Kolleginnen seien mit ihren kleinen Patienten beschäftigt, das wolle er nicht stören, meint Alex Bubenhofer. Hier hat er vor 28 Jahren seine Praxisräume bezogen. Vor kurzem übergab er sie an zwei Kinderärztinnen, die eben gerade an der Arbeit sind. «Ich bin ja sowieso schon überfällig», sagt der 67-jährige Kinderarzt mit einem Schmunzeln. Bubenhofer bleibt noch bis Ende August mit einem Pensum von 30% angestellt und ist auch nach diesem Termin für Ferienvertretungen zu haben. Deshalb spricht er immer noch von «seiner» Praxis.

Die erste Begegnung mit dem Zentrum für Wahrnehmungsstörungen

Wir verlassen die Kugelgasse und spazieren in Richtung Florastrasse, wo die Stiftung wahrnehmung.ch ihre Büroräumlichkeiten hat. Alex Bubenhofer, in Gossau SG aufgewachsen, entschied sich in jungen Jahren für ein Medizinstudium. Nach Abschluss des  Studiums absolvierte er seine Lehrjahre in Pädiatrie im Kantonsspital Aarau und im «Bruderholz» in Basel. Eine prägende Zeit, vor allem die vier Jahre in Aarau, meint Bubenhofer. Der leitende Arzt für Neuropädiatrie in Aarau hatte eine besonders feine Art, ihm Fachwissen zu vermitteln. Und von ihm hörte Alex Bubenhofer 1983 auch das erste Mal von Félicie Affolter und ihrer Methode.

Ausschlaggebend war ein Kind mit der Diagnose Cerebrale Parese/CP. Die ständige Überspannung der Muskeln, ein seltsames Laufmuster, eine leichte geistige Beeinträchtigung und die sprachliche Retardierung machten jedoch den leitenden Arzt stutzig. Da er Félicie Affolter, ihre Theorie und Therapie kannte, schickte er das Kind nach St. Gallen zur Abklärung. Die Diagnose aus der Ostschweiz: eine taktil-kinästhetische Wahrnehmungsstörung. Allerdings gab es damals in Aarau keine Therapeutinnen oder Therapeuten, die die Fähigkeiten und das Wissen hatten, nach der Affolter-Methode zu therapieren. Der Junge wurde damals physiotherapeutisch behandelt, mit ergotherapeutischen Ansätzen.

Dank Medienberichten erste Zuweisungen

Diese Erfahrung prägte den zukünftigen Kinderarzt. Nach seiner pädiatrischen Ausbildung kam er nach St. Gallen, arbeitete erst im Kinderspital und eröffnete 1990 seine eigene Praxis an der Kugelgasse. Den Anstoss für eine intensivere Zusammenarbeit mit dem Zentrum für Wahrnehmungsstörungen gaben Eltern, die durch Medienberichte auf die Arbeit von Félicie Affolter aufmerksam gemacht wurden. Die Berichte und Reportagen weckten in den Eltern die Hoffnung, dass man sie und ihre Kinder dort verstehen und die Probleme wahrnehmen würde. Alex Bubenhofer zögerte nicht, dem Wunsch der Eltern nach einer Abklärung nachzukommen, und leitete die Zuweisungen ein.

Fasziniert von der Wahrnehmungstherapie

Unterdessen sind wir an der Florastrasse 14 angekommen. Mit einer Tasse Tee und Kaffee setzen wir uns in einem der Räume der Stiftung wahrnehmung.ch an einen grossen Holztisch, an dem Sitzungen, Pausen und Gespräche wie das unserige stattfinden.

«Ich habe die Diagnose ‹Wahrnehmungsbeeinträchtigung› schon gestellt, bevor ich das Zentrum so richtig kennenlernte und die Zusammenarbeit intensivierte», sagt Alex Bubenhofer im Rückblick. Oftmals erlebte er, dass die Eltern erleichtert waren, einfach einmal eine Diagnose zu hören. In leichteren Fällen, bei denen es in erster Linie um die Beratung der Eltern ging, übernahm er selbst diese Aufgabe. Oft verordnete er den Kindern auch eine Ergotherapie. Kinder mit schwereren Formen einer Wahrnehmungsbeeinträchtigung übergab er dem Heilpädagogischen Dienst. Erst durch den Anstoss betroffener Eltern und die Auseinandersetzung mit der Therapieform von Félicie Affolter schickte er vermehrt Kinder zur Abklärung ins Zentrum. Bubenhofer faszinierte schon damals, dass der Zugang zum Kind auf anderen als bisher bekannten Kanälen ermöglicht wird. Durch das Führen und die damit verbundene Berührung nimmt der Therapierende das Kind im wahrsten Sinne des Wortes an der Hand. Die Fortschritte, die er bei Kindern nach einer Wahrnehmungstherapie feststellte, überzeugten ihn erst recht.

Als Zuweiser hat der Arzt die Wahl

Im Kanton St. Gallen kann der zuweisende Arzt frei entscheiden, an welche Stelle er das Kind weiterweist. Und deren sind viele! Physiotherapie, Ergotherapie, Logopädie, Kinderpsychologen, Heilpädagogischer Dienst und eben an die Stiftung wahrnehmung.ch. Die freie Wahl als Zuweisender ist gut. Besser ist es jedoch zu wissen, welches Kind für welchen Dienst in Fragen kommen könnte. Daher sei es wichtig, meint Alex Bubenhofer, dass Kinderärztinnen und -ärzte über die Stiftung, ihre Arbeit und Therapieformen Bescheid wüssten.

Zusammenarbeit suchen und fördern

Sagt’s, greift in seinen Rucksack, holt Papier und Kugelschreiber hervor und macht sich Notizen. «Ich schreibe mir das gleich auf für unsere nächste Stiftungsratssitzung», erklärt Bubenhofer. «Wie können wir die Stiftung bei den Pädiatern bekannter machen? Darüber müssen wir uns an unserem nächsten Treffen unbedingt Gedanken machen.» Ob das allenfalls eine Aufgabe für ihn sein könnte, frage ich. Schliesslich stehe seine endgültige Pensionierung bevor und er habe als Mitglied des Vereins Ostschweizer Kinderärzte doch viele Kontakte. Das sei tatsächlich eine Möglichkeit, meint Alex Bubenhofer. Oder warum nicht wieder eine Studie durchführen, wie damals mit dem Projekt WESUK 2010 (Wahrnehmungsprobleme: Erfassung von Säuglingen und Kleinkindern)? Die Stiftung wahrnehmung.ch arbeitete damals eng mit den Kinderärztinnen und -ärzten zusammen, das gab Bezug zur Stiftung. Mittlerweile ist die Mehrheit, die bei der Studie mitgemacht hat, pensioniert.

Der persönliche Kontakt ist wichtig

Wie auch immer: Alex Bubenhofer ist motiviert, diese Thematik anzugehen. Und fügt noch etwas an, das er an der Zusammenarbeit mit der Stiftung immer sehr geschätzt hat: Der Kontakt ist persönlich, die Arbeit partnerschaftlich.

Es ist mittlerweile kurz vor 11.30 Uhr. Wir packen unsere Notizblätter, Kugelschreiber und Tablets ein und nehmen denselben Weg, den wir gekommen sind. Am Spisertor verabschieden wir uns und Alex Bubenhofer zieht weiter – mit dynamischen Schritten und einem Lächeln im Gesicht.

 

*Der 67-jährige Kinderarzt Alex Bubenhofer ist seit 25 Jahren im Stiftungsrat von wahrnehmung.ch. In dieser Rolle ist er vor allem die Schnittstelle zwischen der Stiftung und dem Verein Ostschweizer Kinderärzte.

Bubenhofer ist verheiratet, hat zwei erwachsene Kinder, wohnt in St. Gallen und ist noch bis Ende August in seiner ehemaligen Praxis an der Kugelgasse mit einem 30%-Pensum angestellt. Bis zu diesem Zeitpunkt ist er auch weiterhin als Schularzt an der Heilpädagogischen Schule in St. Gallen tätig.

Lehrreich.


Grundkurs Affolter-Modell®

Einführungsmodul (APW-anerkannt)
Gümligen BE: 8. – 12. Oktober 2018

Referenten, Termine, Ort, Kosten, Anmeldung: Hier erfahren Sie alles.


WESUK-Schulung

Eine Informationsveranstaltung zu «Wahrnehmungsprobleme früh wahrnehmen»
St. Gallen, 20. Oktober 2018

Über 130 Teilnehmende haben profitiert. Jetzt sind Sie an der Reihe! Sie lernen unser Screening WESUK kennen: Vom theoretischen Hintergrund über die Interpretation der Ergebnisse bis hin zu Tipps für ein weiteres Vorgehen.

Referenten, Termine, Ort, Kosten, Anmeldung: Hier erfahren Sie alles.


Weitere Veranstaltungen

4. Affolter-Tag: «Der Alltag und seine Tücken. Affolter-Therapie® in der Anwendung»
24. November 2018, Münchenstein

In verschiedenen Vorträgen und Workshops wird die Anwendung des Affolter-Modells® in der alltäglichen Anwendung vorgestellt. Dabei geht es beispielsweise darum, wie sich Wahrnehmungsprobleme im Alltag zeigen oder wie das Affolter-Modell® in einer Gruppe von Kindern in einer Heilpädagogischen Schule angewendet werden kann. Und was zu tun ist, wenn ein Mensch mit Problemen in der Wahrnehmung den Schlaf nicht findet.

Der Kurs richtet sich an Angehörige, Betroffene und Berufsleute.

Anmeldung und weitere Informationen zum «4. Affolter-Tag» sind auf der Website der Arbeitsgemeinschaft pro Wahrnehmung aufgeschaltet: www.apwschweiz.ch

Hintergründig.


Alles Gute, Anita!

Anita Fink kam vor 28 Jahren zum damaligen «Zentrum für Wahrnehmungsstörungen». Die studierte Logopädin wollte lediglich eine Woche lang in St. Gallen hospitieren. Aus der Hospitanz wurde ein Praktikum, aus dem Praktikum eine Festanstellung.

Nun zieht Anita Fink weiter. Wir verlieren mit ihr eine sehr engagierte Mitarbeiterin, der sowohl die Therapie als auch die Forschung, die Vortragstätigkeit und die Leitung von Kursen sehr am Herzen lagen. Einen Namen gemacht hat sie sich unter anderem auch als Leiterin der WESUK-Studie.

Wir danken Anita von ganzem Herzen: für ihr Engagement, für ihre Energie, ihren Einsatz für ihre Patientinnen und Patienten und dafür, dass sie Teil unseres Teams war.

Alles Gute, Anita!


So arbeiten wir!

Wir geben Ihnen Einblicke in unsere Arbeit. 

In unseren Videoclips zeigen wir Ihnen, wie wir in den Bereichen Therapie, Beratung, Forschung und Kurse arbeiten.

Sie sehen unter anderem, wie Mitarbeitende des Heilpädagogischen Schul- und Beratungszentrums durch Sabine Augstein von wahrnehmung.ch unterstützt und beraten werden.

Die Videos sind zu finden unter:

www.wahrnehmung.ch/therapie
www.wahrnehmung.ch/beratung
www.wahrnehmung.ch/kurse-informationen
www.wahrnehmung.ch/forschung


Die Integration von Menschen mit Wahrnehmungsproblemen in geschützten Werkstätten

Geschützte Werkstätten versuchen, spezielle Arbeitsplätze für Menschen mit einer Behinderung bereitzustellen, damit diese, so weit wie möglich, in den Arbeitsprozess integriert werden können. Was aber, wenn dies nicht gelingt und Beschäftigung alleine nicht ausreicht?

Arbeit hat nebst materiellem Wert auch einen sozial-emotionalen Aspekt. Sofern wir unsere Energie in für uns sinnvolle Tätigkeit umsetzen können, fühlen wir uns kompetent, erleben wir Bestätigung, Wertschätzung und Zugehörigkeit zu einem Team. Arbeit bestimmt somit zu einem Teil auch unsere Identität und unser Wohlbefinden.

In verschiedenen Institutionen gibt es aber auch Menschen mit einer Behinderung, denen Lohnarbeit und die Palette der angebotenen Hilfestellungen am behindertengerechten Arbeitsplatz nicht genügt, um ein emotional-soziales Wohlbefinden zu entwickeln. Einerseits weil ihnen die Vorstellung über die Bedeutung von Geld fehlt, andererseits weil sie auch über wenig oder kein Wissen über soziale Normen in Bezug auf Arbeit verfügen: Fleiss, Ausdauer, Schnelligkeit, Qualität des Produkts etc.

Komplexe Schwierigkeiten erschweren Integration

Solche Menschen lassen sich nur schwer in «traditionelle» Angebote von geschützten Werkstätten integrieren. Neben dem fehlenden oder bruchstückhaften Wissen gibt es Menschen, bei denen noch andere Schwierigkeiten vorhanden sind, die einer Integration in Arbeitsprozesse im Wege stehen. Sie stehen im direkten Zusammenhang mit einer Beeinträchtigung in der Verarbeitung von gespürten, visuellen und auditiven Informationen.

Markus – ein Fallbeispiel

Die Art der Wahrnehmungsproblematik, die sich bei Markus zeigt, wird auch als Autismus bezeichnet. Wir sprechen von «Wahrnehmungsproblemen», da wir der Ansicht sind, dass dieser Begriff die grundlegenden Probleme von Menschen wie Markus besser erklärt.

Als ich Markus das erste Mal begegne, sitzt er in der Beschäftigungsgruppe an der Arbeit. Markus schleift an einem Holzstück, das Teil einer kleinen Werkarbeit ist. Er schaukelt auf dem Stuhl sitzend den Oberkörper vor und zurück und gibt Laute von sich. Er erscheint angespannt. Mit dem Fortdauern der Arbeit scheint seine Spannung anzusteigen. Markus steht auf, wirft Oberkörper und Kopf nach hinten, dann nach vorn. Dies wiederholt sich. Die Betreuer von Markus berichten, dass er manchmal seinen Kopf gegen die Wand schlägt, wenn die Anspannung zu gross wird.

Er muss seine Aktivitäten verstehen können

Man spricht mit Markus, versucht ihn zu beruhigen, geht mit ihm spazieren, überlegt sich andere Beschäftigungen. Aber es gelingt nicht, für ihn eine Verbesserung in der Beschäftigungsgruppe zu erreichen. Im Gespräch mit den Betreuern wird klar, dass solche angespannte Situationen im Wohnbereich weniger häufig auftreten.

Die Aktivität, die im Wohnbereich geschieht, bezieht sich stark auf elementare Bedürfnisse von Markus: Essen, Mahlzeiten zubereiten, Körperpflege, An- und Ausziehen, Reinigungs- und Aufräumarbeiten im unmittelbaren Lebensraum, kurz: im Alltag. Menschen mit schweren Wahrnehmungsproblemen wie Markus sind für das Verstehen von Aktivität darauf angewiesen, dass sie diese auf ihre unmittelbaren Bedürfnisse beziehen können. Können sie dies nicht tun, zerfällt das Verständnis, ihre Spannung steigt an, bis zu selbst- oder fremdverletzendem Verhalten.

Als begonnen wird, mit Markus vermehrt im Wohnbereich zu arbeiten, bauen sich die Spannungszustände wie auch das selbstverletzende Verhalten bei Markus deutlich ab. Dennoch gestaltet sich die Arbeit mit ihm im Alltag oft schwierig, vor allem im Anfangsstadium einer bestimmten Aktivität.

Kaum Chancen bei verbalen Aufforderungen

Der Betreuer möchte mit Markus einkaufen gehen. Markus steht im Gang. Der Betreuer erklärt seine Absicht und fordert ihn dann auf, die Tasche in seinem Zimmer zu holen. Markus bleibt stehen. Auf die wiederholte verbale Aufforderung beginnt er gespannte Laute zu äussern, wirft den Kopf nach hinten. Nun nimmt der Betreuer Markus bei der Hand, geht mit ihm in sein Zimmer, fordert ihn erneut auf. Wieder kann Markus den verbalen Auftrag nicht ausführen.

Als Markus später mit der vollen Tasche vom Einkaufen zurückkommt, verhält sich der Betreuer mit ihm ganz anders. Als Markus die Tasche auf den Tisch abgestellt hat, führt der Betreuer Markus‘ linke Hand zur Tasche, umfasst diese, die andere Hand führt er zum Sack mit den Früchten, umfasst diesen, zieht ihn aus der Tasche und versorgt ihn. Dann gehen beide gemeinsam zur Tasche zurück, nehmen einen weiteren Gegenstand, versorgen nun diesen und verfahren mit den restlichen Gegenständen genauso, bis die Einkaufstasche leer ist.*

Bis hierher geschieht alles wortlos. Markus folgt mit dem Blick den Tätigkeiten der Hände, zeigt keine übermässige Spannung. Er scheint, obwohl während dieser Sequenz nicht gesprochen wird, zu verstehen, dass die Sachen weggeräumt werden.

Wo liegt der Unterschied?

Das Verhalten des Betreuers hat sich verändert: Er führt Markus‘ Hände und schafft damit ein grundlegend anderes Angebot. Markus kann anhand des unmittelbaren Kontaktes seiner geführten Hände mit den Gegenständen offensichtlich viel genauer vermuten, was der Betreuer beabsichtigt. Jetzt zeigt Markus Verständnis, während es ihm viel schwerer fällt, Verständnis aufzubringen, wenn eine Absicht nur verbal an ihn gerichtet wird.

Spürsinn ist entscheidend

Das Miteinbeziehen des Spürsinnes ist in der Arbeit mit Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen mit Wahrnehmungsproblemen der Schlüssel für eine grundlegende Verbesserung der Situation. Wir greifen im Gegensatz zum Beispiel von Markus sehr oft spontan auf gespürte Erfahrungen zurück, um eine Situation zu verstehen. Markus ist meist darauf angewiesen, dass er geführt wird, um zu verlässlichen Informationen über eine aktuelle Situation zu gelangen.

Fazit aus dem Fallbeispiel

Wir können daraus zunächst zwei Schlussfolgerungen ziehen:

  • Es müssen Alltagssituationen geschaffen werden, und die betreffenden Personen müssen in diesen Alltag einbezogen werden.
  • Das Miteinbeziehen in die Aktivität soll schwerpunktmässig gespürt geschehen.

Können wir aber auch erwarten, dass Markus mit der Zeit auch auf eigene «Ressourcen» zurückgreifen kann, um Alltagssituationen besser einordnen zu können? Dass er später vielleicht sogar anhand von verbaler und visueller Information Verständnis aufbringen kann?

Wir nehmen an, dass Entwicklung auch bei Erwachsenen mit angeborenen oder erworbenen Wahrnehmungsproblemen weitergeht. Wichtig dafür jedoch ist, dass gespürte Interaktion geschieht.

Wir nehmen aufgrund eigener und anderer Forschungsergebnisse und aufgrund mehrjähriger klinischer Erfahrung an, dass gespürte Interaktionserfahrung die Grundlage für eine harmonische Entwicklung darstellt. Daher sehen wir die Notwendigkeit, dass Menschen, die aufgrund ihrer Wahrnehmungsproblematik beim Suchen von gespürter Information beeinträchtigt sind, auf die beschriebene Art und Weise geholfen werden kann.

Daraus ergibt sich die dritte Schlussfolgerung:

  • Es müssen Situationen geschaffen werden, in denen intensive Spürerfahrungen ermöglicht werden.

Sich von «traditionellen» Vorstellungen lösen

Emotional-soziales Wohlbefinden wird für Menschen mit Wahrnehmungsproblemen eher möglich, wenn wir von «traditionellen» Vorstellungen über die Arbeit für Menschen mit einer Behinderung wegkommen, hin zu mehr Alltag und zu einem «gespürten» Miteinbeziehen dieser Menschen in ihrem Alltag.

Für solche Arbeit und für das davon abhängige Wohlbefinden bedeutet dies: Synthese von Wohn- und Arbeitsplatz, Kleingruppen mit einem Personalschlüssel, der zeitweilige Einzelbetreuung ermöglicht, und Beratung des betreuenden Personals.

Walter Ehwald, dipl. Heilpädagoge, Leiter der Heilpädagogischen Schule St. Gallen

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*Bei diesem zeitlich zurückliegenden Beispiel einer geführten Interaktion fehlt ein Aspekt, nämlich jener der Interaktion zwischen Rumpf und Umwelt. Dabei wird auch Spürinformation vermittelt über die Position des Körpers und den Ort, an dem sich der Körper im Raum befindet.

Überarbeiteter Artikel, der erstmals 1996 im BOOT-JOURNAL, Informationszeitschrift für Freunde des Vereins Rhyboot, veröffentlicht wurde.

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