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E-News wahrnehmung.ch Nr. 1 / 2018.

Persönlich.

«Kinder können hier ihre Wurzeln entwickeln»

Ursula Weber, Schulleiterin der Sonderpädagogischen Tagesschule für Wahrnehmungsförderung STW in Zwillikon/ZH

Zahnbürsten. Gleich beim Eingang. Sie fallen sofort auf, wenn man die Eingangstüre zur Sonderpädagogischen Tagesschule für Wahrnehmungsförderung STW in Zwillikon hinter sich schliesst. Um genau zu sein: Es sind 17 Zahnbürsten. Für jeden Schüler, jede Schülerin eine. Sie stecken mit der dazugehörigen Zahnpastatube in Bechern, die wiederum schön aufgereiht auf einem Regal stehen. Wandert der Blick ein wenig höher, entdeckt man an der Wand dahinter ein Bild eines Baumes.

«Das Symbol unserer Schule», erklärt Ursula Weber, die Schulleiterin der STW. Wobei gleich klar ist, dass der Baum und nicht die Zahnbürsten gemeint ist.

Das Bild ist fröhlich-farbig und es fällt auf, dass der Baum zweigeteilt ist. Eine Seite der Baumkrone brennt, die andere ist voller Blüten. Gemalt hat das Original eine afrikanische Künstlerin, die den Auftrag dazu von Eltern eines ehemaligen Schülers bekam. Die Mutter schilderte damals der Künstlerin die Arbeitsweise der Schule: «Die Kinder haben wenig Wurzeln und brennen vor Unruhe. Wenn sie die Schule verlassen, sind sie geerdet, ihre Äste voller Blüten.»

Ursula Weber zeigt auf die gut sichtbaren und starken Wurzeln und erklärt das Bild mit ihren Worten. Die Wurzeln stehen für die Wahrnehmung. Je mehr Wurzeln die Kinder bilden, umso mehr Äste können sich daraus entwickeln. Anders gesagt: Wird die Wahrnehmung gefördert und gestärkt, wirkt sich das auch auf die Sprachentwicklung, die Sozialkompetenz und auf schulische Fähigkeiten wie Lesen, Planen, Schreiben und Rechnen aus. «Unser Ziel ist es, dass die Kinder hier ihre Wurzeln entwickeln», meint Ursula Weber mit Blick auf das Baumbild.

«Der Baum – das Symbolbild der STW»

Kein Interesse an  Affolter-Modell®

Die 56-Jährige selbst hat schon lange Wurzeln geschlagen in der STW. Sie kam 1995 als Handarbeitslehrerin nach Zwillikon. Nicht, weil sie am Affolter-Modell® interessiert war, sondern weil sie nach der Geburt ihres ersten Kindes an der vorangehenden Stelle nicht wie erhofft mit einem reduzierten Pensum arbeiten konnte. Die STW hingegen bot ihr diese Möglichkeit. Ursula Weber merkte schnell, dass die neue Stelle sie in besonderer Weise herausfordern würde und wie komplex der Unterricht hier ist.

Übungsfeld: Die eigenen Kinder

Die Arbeitsweise an der Schule war ungewohnt für sie. Genau das aber faszinierte Ursula Weber. Weit davon entfernt zu begreifen, was das Führen nach Affolter bei einem Kind bewirken kann, setzte sie um, was ihr aufgetragen wurde. Zu Hause übte sie an ihren eigenen Kindern. Die waren damals noch klein und brauchten ihre klare Führung. Mit Worten war nicht viel auszurichten. Als sie begriff, dass an der Schule dasselbe Prinzip gilt, obwohl diese Kinder älter und scheinbar selbstständig sind, fiel schon einmal der erste Groschen.

«Man muss es selber spüren»

Richtig verstanden hatte sie erst, als sie selber geführt wurde. «Man muss es spüren», ist Ursula Weber überzeugt. «Sonst hat man das Gefühl, dass die Kinder nur Marionetten sind». Dadurch, dass sie selbst geführt wurde hat sie erfahren, dass viele Denkprozesse angeregt werden und mit Spüren verbunden sind.

Nach Selbsterfahrungen, diversen Weiterbildungen und der Zertifizierung zur «Affolter-Therapeutin» nach dem Besuch des mehrwöchigen Grundkurses war sie bereit, nach den Grundsätzen des Affolter-Modells® zu unterrichten und zu therapieren.

Ursula Weber berichtet ruhig und ohne ausschweifende Gestik. In ihren Worten schwingt dennoch viel Begeisterung mit: für die Schule, die Art des Unterrichts, das Führen und die Förderung der Kinder.

Fortschritte der Kinder sind unbezahlbar

  • Der Bub, der es nicht schaffte, auf einer Linie gerade zu schreiben. Er malte grosse Buchstaben diagonal auf einen Bogen Packpapier. Heute macht er eine kaufmännische Lehre.
  • Das Mädchen, das sich partout nicht berühren lassen wollte. Heute liebt sie es zu kuscheln.
  • Der Bub, der nicht fähig war, sein Geschirr vom Tisch zu räumen. Heute steckt er den schmutzigen Teller ohne Aufforderung in die Abwaschmaschine.
  • Kinder, die sich kaum zehn Sekunden auf etwas konzentrieren konnten. Heute arbeiten sie eine schöne Weile für sich.

Solche Veränderungen und Entwicklungsschritte motivieren Ursula Weber in ihrer Arbeit. Oft sind es zuerst nicht direkte schulische Fortschritte. Diese folgen später. 

536 Prozent interne Manpower plus Beratung von aussen

Ein 14-köpfiges Team unterstützt Ursula Weber. Das Team setzt sich aus Lehrpersonen, Sozialpädagogen, Klassenhilfen, einem Zivildienstleistenden und einer Seniorin zusammen. Sie alle teilen sich 536 Stellenprozente. Nicht besonders viel für eine Tagesschule mit 17 Kindern, die zwar über eine normale Intelligenz verfügen, aber mit Wahrnehmungsproblemen konfrontiert sind. Die Beratung von aussen kommt daher sehr gelegen. Viermal pro Jahr ist ein Fachberater an der Schule. An jeweils zwei Tagen ist er in den Klassen unterwegs, einer Unterstufe und zwei Mittelstufen. Er richtet sein Augenmerk vor allem auf Situationen, die ihm vorgängig geschildert wurden, und wertet diese anschliessend mit den Lehrpersonen aus.

Ein Beispiel:

Bei zwei Kindern fällt auf, dass sie die Lehrpersonen anstarren, ja regelrecht mit ihren Blicken löchern. Wie reagieren? In der Schule kam man zum Schluss, dass die Lehrperson in einer solchen Situation den Blick auf die Handlung und nicht auf das Kind richten sollte. Dadurch wird Blick und Konzentration des Kindes ebenfalls zum Beispiel auf den Apfel gelenkt, der geschält werden muss oder auf die Farbstifte, die im Etui ihren Platz finden.

«Die Nischen im Schulzimmer der Mittelstufe»

Unterstützung aus St. Gallen

Adrian Hofer ist ebenfalls regelmässig Gast in Zwillikon. Ziel seiner Besuche ist es, jedes Kind einmal pro Jahr genauer abzuklären. Gehört ein Kind tatsächlich in die STW? Macht es Fortschritte in der Wahrnehmung? Der Leiter der Stiftung wahrnehmung.ch testet logisches Denken, Sprachverständnis und Aussprache. Und er macht mit dem Kind einen Stereognosie-Test. Dabei identifizieren die Kinder verschiedene Formen und Gegenstände alleine mit Hilfe des Tastsinns.

Die Ergebnisse der Abklärung fasst Adrian Hofer in einem Bericht für Schule und Eltern zusammen, gibt den Lehrpersonen Ratschläge für die Förderung und setzte sich mit Eltern, Schulpsychologe und Schulpflege an einen runden Tisch.

Die Rolle der Eltern

Damit nicht erst am runden Tisch mit den Eltern diskutiert wird, werden sie gleich im ersten Schuljahr ihres Kindes miteingebunden. Viermal pro Jahr findet ein Elterntreff statt. Es ist wichtig, dass die Eltern verstehen, wie die Kinder angeleitet, geführt und geschult werden. Sie erhalten auch das Angebot, dass jemand vom STW-Team zur Familie nach Hause geht und sie unterstützt. Eltern schildern in ihrem gewohnten Umfeld die Schwierigkeiten mit ihrem Kind. Die Fachperson zeigt ihnen auf, wie sie reagieren und agieren können. Eine Anleitung für die Eltern, ihre Kinder zu führen, gibt es nicht. Es fehlt hierzu die nötige Kapazität. Vielmehr versucht man den Eltern aufzuzeigen, dass es wenig Sinn macht, auf das Kind einzureden. Andere Wege sind effizienter: Gelassenheit zeigen, dem Kind Vertrauen schenken, den eigenen Antrieb des Kindes unterstützen. Oder handeln statt reden: Also das Kind nicht x-mal auffordern, das Geschirr abzuräumen, sondern den schmutzigen Teller in die Kinderhände drücken. Alles Massnahmen, die auch Eltern von Kindern ohne Wahrnehmungsprobleme einsetzen können. «Unsere Eltern brauchen jedoch einen noch längeren Geduldsfaden», meint Ursula Weber.

Eine Nachtaktion – ohne Nebel

Die STW war ursprünglich eine «Freie Volksschule». Das änderte sich, als 1990 Eva Gruber-Steiner nach Zwillikon kam. Sie hatte gerade ein Praktikum bei Félicie Affolter in St. Gallen hinter sich. Die Eindrücke des Praktikums und die Möglichkeit, in Zwillikon etwas aufzubauen, inspirierten sie zu einem Schulkonzept, das sie ihrem Mann in einer Nacht diktierte und das über Jahre massgebend für den Unterricht war. Noch heute ist Eva Gruber-Steiner mit der STW eng verbunden, nicht zuletzt als Supervisorin der Schulleiterin.

Weniger Freiheiten – mehr Kanton

Die Schule in Zwillikon gehörte zu den Pionierschulen, die in den 90er-Jahren entstanden und aufblühten. Schulleiterin Ursula Weber wird fast ein wenig wehmütig. Damals hatten Schulen wie die STW viele Freiheiten und auch entsprechende Erfolge. Die Erfolge sind laut Ursula Weber nach wie vor da, die Freiheiten nicht. Grund dafür sind Vorgaben des Kantons. Es muss gespart werden und Sonderschulen werden aufgrund der Kosten und des Angebots miteinander verglichen. Sonderschulen lassen sich aber nicht wie Regelschulen miteinander vergleichen. Dazu kommt, dass das Affolter-Modell® zum Teil in der Kritik steht. 

«Die Kritiker sehen und verstehen nicht, wie wir arbeiten», ist Ursula Weber überzeugt. Warum ein Kind führen, weshalb diese Nähe? Die Schulleiterin hat Verständnis für diese Fragen. Sie versteht aber nicht, weshalb sich die Kritiker nicht mehr auf die Schule, ihre Methoden und insbesondere das Affolter-Modell® einlassen. Die Enttäuschung ist ihr anzusehen, als sie erzählt, wie sie einem Mentor der Hochschule für Heilpädagogik anbot, ihn zu führen, dieser aber vehement ablehnte. Interessant ist, dass das Modell an heilpädagogischen Schulen akzeptiert wird. Nicht aber an der STW, einer Schule für Kinder mit einer normalen Intelligenz.

Wie weiter?

Die STW musste sich etwas einfallen lassen. Sie hat sich als Schule mit Kompetenzen im ASS-Bereich (Autismus-Spektrum-Störung) beworben und wurde zusammen mit einer Oberstufen-Sonderschule aus dem Bezirk Affoltern am Albis ausgewählt. 

Für die Zukunft heisst das: Das Affolter-Modell® kann beibehalten werden, hinzukommen Basiswissen und praktische Handlungsstrategien, unter anderem TEACCH («Treatment and Education of Autistic and related Communication handicapped Children» «Behandlung und pädagogische Förderung autistischer und in ähnlicher Weise kommunikationsbehinderter Kinder»).  Das führt zu einer Professionalisierung im Umgang mit Kindern und Jugendlichen mit ASS. 

Bis die Schule soweit ist, gibt es noch viel zu tun. Arbeit, die Ursula Weber gerne in Kauf nimmt, denn die Anfragen für freie Schulplätze sind Indiz genug, dass es die STW weiterhin braucht. Als ein Ort, an dem Kinder Wurzeln entwickeln können.

Von Ladina Spiess

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Die 56-jährige Ursula Weber ist seit 1995 in der STW, seit mehr als neun Jahren amtet sie als Schulleiterin. Sie hat eine 45%-Anstellung und sagt, ihre Aufgabe sei «eine gute Sache». Weber ist verheiratet und Mutter von drei mittlerweile erwachsenen Kindern.
Als Ausgleich zu ihrem Beruf singt sie in einem 16-köpfigen Frauenchor. Mit Pilates, Schwimmen, Velofahren und Lesen hält sie Körper und Geist fit.

 

Lehrreich.


Grundkurs Affolter-Modell®

Einführungsmodul (APW-anerkannt)
St.Gallen

Referenten, Termine, Ort, Kosten, Anmeldung: Hier erfahren Sie alles.

Grundkurs Affolter-Modell®:

Einführungsmodul (APW-anerkannt),
Gümligen

Referenten, Termine, Ort, Kosten, Anmeldung: Hier erfahren Sie alles.


WESUK-Schulung

St. Gallen, 20. Oktober 2018 – Eine Informationsveranstaltung zu «Wahrnehmungsprobleme früh wahrnehmen».

Referenten, Termine, Ort, Kosten, Anmeldung: Hier erfahren Sie alles.

 

Weitere Veranstaltungen

  • Die Tücken des Alltags
  • Innensicht und Aussensicht
  • «4. Affolter-Tag»

Zu diesen weiteren Veranstaltungen werden die genauen Zeiten und weitere Informationen auf der Website der Arbeitsgemeinschaft pro Wahrnehmung aufgeschaltet: www.apwschweiz.ch


Die Tücken des Alltags

Einblicke in die gespürte Interaktionstherapie – Hilfe bei Wahrnehmungsproblemen

Mittwoch, 23. Mai 2018, abends in Glarus
Vortrag mit Sabine Augstein, Dipl.-Psychologin, Logopädin, APW-anerkannte Instruktorin im Affolter-Modell®, Mitarbeiterin Stiftung wahrnehmung.ch
Eine Veranstaltung in Kooperation mit der Arbeitsgemeinschaft pro Wahrnehmung APW und insieme / Vereinigung Cerebral Glarus

 

Innensicht und Aussensicht 

Erfahrungen mit der Arbeit nach dem Affolter-Modell®

Samstag, 9. Juni 2018, nachmittags, Heilpädagogische Schule (HPS) St. Gallen, Schülerhaus, Weiterbildung der Arbeitsgemeinschaft pro Wahrnehmung APW
Innensicht: Iris Köppel, Mitarbeiterin bei «Workaut» St. Gallen, lebt mit dem Asperger-Syndrom und berichtet über ihre Erfahrungen mit dem Affolter-Modell®
Aussensicht: Walter Ehwald, Leiter der Heilpädagogischen Schule (HPS) St. Gallen, Instruktor im Affolter-Modell® und langjähriger Therapeut und Begleiter von Iris Köppel

 

«4. Affolter-Tag»

Einblicke in verschiedene Anwendungsgebiete des Affolter-Modells®

Samstag, 24. November 2018, Therapie-Schulzentrum Münchenstein TSM
Vorträge und Workshops für Angehörige, Betroffene und Berufsleute

Hintergründig.

Einblicke in unsere Arbeit

Sie möchten besser verstehen, wie wir arbeiten? 

Dann empfehlen wir Ihnen unsere Videoclips, die einen Einblick in die Bereiche Therapie, Beratung, Forschung und Kurse geben.
Sie erfahren unter anderem, wie eine junge Frau dank der Therapie in unserer Stiftung weitgehend selbständig lebt und ihren eigenen Haushalt führen kann.

Ihre Geschichte und weitere Videos sind zu finden unter:

www.wahrnehmung.ch/therapie
www.wahrnehmung.ch/beratung
www.wahrnehmung.ch/kurse-informationen
www.wahrnehmung.ch/forschung


Therapie nach dem Affolter-Modell® – gespürte Interaktionstherapie

«Sag es mir und ich vergesse es, zeig es mir und ich erinnere mich, hilf mir, es zu tun, und ich werde es verstehen und mehr und mehr können…» (frei nach Konfuzius)

Der folgende Artikel zeigt die Grundlagen der Therapie, die die zentralen Wahrnehmungsprobleme von Menschen mit ASS (= Autismus-Spektrum-Störung) berücksichtigt. Das Beispiel des vierjährigen Tim gibt einen konkreten Einblick in die Therapie.

Das Affolter-Modell® und die daraus abgeleitete Intervention des sogenannten Führens (gespürte Interaktionstherapie) haben sich in den letzten Jahren stark verbreitet – sowohl im heil- und sonderpädagogischen Bereich als auch in der Rehabilitation von Menschen mit erworbenen Hirnverletzungen sowie im sozialpädagogischen Bereich. Vertreter verschiedenster Berufsgruppen wenden dieses Konzept in ihrem therapeutischen und pädagogischen/agogischen Arbeitsalltag mit der unterschiedlichsten Klientel an. Das Affolter-Modell® bietet gerade für Menschen mit ASS eine Herangehensweise, um Interaktions- und Kommunikationsprozesse in alltäglichen Situationen zu erarbeiten. Und die Betroffenen werden je nach Setting (z.B. Familie, Therapie und Schule, Wohnheim und Beschäftigung)  in Lernprozessen und der Bewältigung ihres Alltags begleitet. Zentral ist die Annahme, dass Lernen und Entwicklung im Alltag stattfinden, sowie die Erfahrung, dass der Alltag Probleme bereitet, welche mit den Betroffenen gelöst werden können. Wichtig sind klassische Therapien wie Ergotherapie oder im schulischen Bereich eine separierte oder integrative Schulung. Daneben können auch Eltern in ihrem familiären Alltag oder das Betreuungspersonal in einem Wohnheim Ansätze des Affolter-Modells® in der Alltagsgestaltung anwenden. 

Wo setzt die gespürte Interaktionstherapie/Affolter-Modell® an?

Im Affolter-Modell® erhält die taktil-kinästhetische (Spüren) Wahrnehmungsorganisation einen besonderen Stellenwert und darauf aufbauend die intermodale und seriale Wahrnehmungsorganisation. Affolter betrachtet die gespürten Interaktionserfahrungen, die durch Auseinandersetzung zwischen der Person und der dinglichen und sozialen Umwelt im Alltag erworben werden, als Wurzel der Entwicklung. Affolter hat die kindliche Entwicklung unter dem Aspekt der Entwicklung der Wahrnehmungsorganisation und der Interaktion dokumentiert. Das Kind entdeckt und untersucht im Laufe seiner Entwicklung immer komplexer werdende Beziehungen zwischen sich und der Umwelt. Es kommt einerseits zu Erkenntnissen über sich und seinen Körper in Unterscheidung zur Existenz der Welt um sich herum. Andererseits entwickelt das Kind durch sein Handeln Wissen über Ursache-Wirkungs-Zusammenhänge. Kinder erarbeiten sich einen reichen, gespürten Erfahrungsschatz. Dieser bildet die Grundlage für weitere Entwicklungsleistungen und ermöglicht dem Kind, sich im Alltag zurechtzufinden.

Betroffene Kinder und auch Erwachsene verhalten sich in der Auseinandersetzung mit der Umwelt anders. Es gelingt ihnen nicht oder nur in ungenügendem Ausmass, sich die relevanten Informationen in einer augenblicklichen Situation zu erarbeiten. Das Berühren, Umfassen, Bewegen und Verändern der Umwelt ist auffällig. Die Betroffenen kommen nur in einem ungenügenden Ausmass zu gespürter Interaktionserfahrung. Als Folge zeigen sich unterschiedlichste Auffälligkeiten in den verschiedenen Entwicklungsleistungen. 

Wahrnehmung, und daher auch eine zentrale Wahrnehmungsproblematik, ist nicht direkt zu beobachten. Sichtbar ist das äussere Verhalten. Auf dem Hintergrund des Affolter-Modells® werden daher beispielsweise Verhaltens- oder Bewegungsauffälligkeiten als Ausdruck/Symptom einer zugrunde liegenden Störung der Wahrnehmungsorganisation betrachtet.

Ein Beispiel: der vierjährige Tim 

Tim ist ein Junge mit ASS. Er ist unruhig, immer in Bewegung, am Tönen. Mit der Zeit wird das Tönen lauter, die Stimme gepresst; er läuft auf Zehenspitzen oder laut stampfend. Tim zeigt kaum kommunikatives Verhalten wie Blickkontakt oder Gegenstände bringen. Er ist sehr geschickt, bedient das Handy seiner Mutter versiert und wählt seine Lieblingsvideos aus, immer wieder. Tim scheint sich sehr über das Visuelle zu orientieren, wirkt schnell verzweifelt, wenn seine visuelle Welt nicht mehr stimmt. Jede Veränderung in der Umwelt muss daher für ihn kaum nachvollziehbar sein. Selber verändert Tim die Umwelt wenig. Gegenstände, ausser höchstvertraute, nimmt er selten in die Hand. Tim richtet sich in seiner Interaktion nur nach seinen Zielen aus. Ein fremdes Ziel von aussen (z.B. von den Eltern) scheint für ihn kaum von Bedeutung zu sein. Gut vorstellbar, dass der familiäre Alltag sehr schwierig ist.

Probleme gemeinsam lösen

Tims Stärke, seine starke visuelle Ausrichtung, scheint für seine Entwicklung, auch der Sprache und Kommunikation, keine Ressource zu sein. In der Therapie soll die gespürte Interaktion in alltäglichen Situationen im Vordergrund stehen. Zunächst werden höchstvertraute Abläufe wie Aus-/Anziehen, Trinkflasche auspacken genutzt. Ressourcenorientiertes Arbeiten heisst hier, alltägliche Probleme, die das Kind wohl versteht, aber noch nicht selber lösen kann, mit dem Kind gemeinsam zu lösen:

  • Die Trinkflasche ist leer, für den Heimweg soll sie gefüllt werden. Wo ist der Sirup?
  • Der Deckel ist verklebt, wie lässt sich die Flasche öffnen?

Gemeinsam heisst, dass Tim in diesen alltäglichen Geschehnissen geführt wird. Das Hilfsmittel des Führens soll eine Ausweitung der gespürten Erfahrungen im Alltag ermöglichen und damit Grundlage für verschiedene Entwicklungsleistungen, z.B. sprachlich-kommunikative, bilden.

Der Schoggiriegel

Konkret kann das so aussehen: Tim möchte einen Schoggiriegel essen. Er soll so einbezogen werden, dass er die nötigen Veränderungen nicht wie sonst nur sieht, sondern diese Ursache-Wirkungs-Zusammenhänge über das Spüren nachvollziehen kann. Dieses kleine Geschehnis scheint für Tim bedeutungsvoll zu sein; er erkennt das Ziel und kann entsprechende Erwartungen aufbauen. Tim berührt den eingepackten Riegel mit den Fingerspitzen, nimmt ihn und schüttelt ihn in der Luft. Als keine Veränderung eintritt, schreit er und schlägt den Riegel auf den Tisch. Bevor Tim wegrennt, kann mittels Führens der Riegel ganz umfasst und auf dem Tisch festgehalten werden. Geführt reisst Tim das Papier auf. Dies muss im Moment noch relativ schnell passieren. In ähnlichen Situationen ist er jeweils schnell «ausgestiegen», wenn eine erwartete Wirkung nicht sofort eintritt. Als der Riegel sichtbar wird, lächelt Tim kurz. Das nächste Problem kann gelöst werden.

Im Laufe der Therapie zeigt Tim in solchen Situationen vermehrt kommunikatives Verhalten. Er bringt den Gegenstand, mit dem etwas passieren soll, einer anwesenden Bezugsperson oder holt deren Hand.

Fortschritte auch ausserhalb der Therapielektionen

Da gespürte Auseinandersetzung im Alltag des gesunden Kindes ständig stattfindet, kann sich eine entsprechende Intervention nicht auf die wenigen Therapielektionen beschränken. Die Anleitung der Eltern und anderer Bezugspersonen im Umgang mit den Betroffenen und die Gestaltung des häuslichen oder schulischen Umfeldes spielen daher eine mindestens so grosse Rolle wie die direkte Arbeit mit dem Kind. Hier sind unter anderem räumliche und zeitliche Strukturierungshilfen für den Alltag von Bedeutung. Klar ist, dass v.a. im Einzelsetting eine intensive therapeutische Begleitung, wie im Beispiel von Tim beschrieben, möglich ist. Aber auch in «nichttherapeutischen» Settings, z.B. im Familienalltag, gibt das Affolter-Modell® Hinweise für die Auswahl und die Gestaltung geeigneter Aktivitäten, die Gestaltung der räumlichen Umwelt sowie für die Begleitung der Betroffenen in tendenziell eskalierenden Situationen. Grundlage der Intervention ist dabei immer die Überlegung, was der betroffene Mensch braucht, um sich in einem vertrauten Alltag, aber auch in neuen, ungewohnten Situationen zurechtzufinden. 

Komplexere Aufgaben für Tim 

Tim hat seine Essgewohnheiten ausgeweitet, auch können die Lebensmittel vermehrt unterschiedlich zubereitet werden. Nun können und müssen die Geschehnisse in den Therapieeinheiten komplexer gestaltet werden. 

Beispiel:

Tim bereitet eine Himbeercrème zu. Die Himbeeren sind gefroren, lassen sich so nicht zerdrücken. 

  • Vielleicht mit dem Mixer, welcher zusammengesetzt werden muss?
  • Wo ist die Steckdose? So weit oben, dass Tim einen Stuhl braucht, um hochzuklettern.
  • Braucht es etwas Flüssigkeit, um die Beeren zu pürieren? Also macht Tim erst einen Orangensaft; dafür holt er ein Messer aus der Schublade.
  • Wo kommt der Saft hin? In den Mixbecher zu den Beeren usw.

So viele Umwege, Teilgeschehnisse, Probleme. Am Schluss verteilt Tim die Crème nicht nur für sich, auch für seine Mutter und die Therapeutin. Er berücksichtigt fremde Bedürfnisse, was eine sozial-kommunikative Leistung für den Jungen bedeutet.

Tim versteht nun komplexere Geschehnisse, wenn er dafür die unerlässlichen gespürten Informationen erhält. Die auftretenden Probleme werden dabei nicht für ihn, sondern mit ihm exploriert und gelöst. Tim ist dabei keineswegs passiv. Wichtig ist, dass er mit Verständnis dabei ist und das Geschehen mit Aufmerksamkeit nachvollzieht. Sein grösseres Repertoire an gespürten Erfahrungen führt zu mehr Selbständigkeit und Flexibilität im Alltag und letztendlich zum Entdecken der Kommunikation.

Von Sabine Augstein,
Diplompsychologin, dipl. Logopädin wahrnehmung.ch


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Literatur

  • Affolter, F. (1987). Wahrnehmung, Wirklichkeit und Sprache. Villingen-Schwenningen: Neckar-Verlag
  • Affolter, F. u. Bischofberger, W. (2007). Nichtsprachliches Lösen von Problemen in Alltagssituationen bei normalen Kindern und Kindern mit Sprachstörungen. Villingen-Schwenningen: Neckar-Verlag
  • Ehwald, W. u. Hofer, A. (2001). Das Affolter-Modell®. Forschungsergebnisse – Entwicklungsmodell – Anwendung. In Fröhlich, A., Heinen, N. u. Lamers, W. (Hrsg): Schwere Behinderung in Praxis und Theorie – ein Blick zurück nach vorn. Düsseldorf: Verlag Selbstbestimmtes Leben
  • Hofer, A. (2009). Das Affolter-Modell®. Entwicklungsmodell und gespürte Interaktionstherapie. München: Pflaum-Verlag

Dieser Artikel ist 2014 erstmals erschienen in «autismus contact», einer Fachdokumentation von und für Eltern / Fachleute des Vereins autismus deutsche schweiz.

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