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E-News wahrnehmung.ch Nr. 3 / 2018.

Persönlich.

«Das Angebot der Stiftung wahrnehmung.ch sollten wir unbedingt nutzen.»

Edith Tinner, Leiterin Amt für pädagogisch-therapeutische Dienste Kanton Appenzell Innerrhoden

Fünf Kinder sind es. Fünf junge Menschen aus dem Kanton Appenzell Innerrhoden, die zurzeit bei der Stiftung wahrnehmung.ch in einer Abklärung oder einer Therapie sind. «Für diese fünf Kinder und ihre Eltern ist die Stiftung genau der richtige Ort», sagt Edith Tinner, Leiterin Amt für pädagogisch-therapeutische Dienste im Kanton Appenzell Innerrhoden. In dieser Aufgabe ist sie zuständig für Beurteilung und Bewilligung von Anträgen für pädagogisch-therapeutische Massnahmen. Wir treffen uns zu unserem Gespräch in einem Restaurant in Appenzell. Schon nach wenigen Minuten ist klar: Edith Tinner ist eine humorvolle, tatkräftige Frau mit einem grossen Herzen für diejenigen Kinder, die hinter diesen Anträgen stehen. Sie erzählt mir leidenschaftlich von ihrer Arbeit, ihrem Bezug zur Stiftung und über ihren persönlichen beruflichen Werdegang.

wahrnehmung.ch: So viel wie nötig, so wenig wie möglich

Ihre erste Erfahrung mit dem Affolter-Modell® war alles andere als gelungen. Dazu später mehr. Heute ist sie überzeugt, dass dieses Modell Kinder mit Wahrnehmungsproblemen bestens fördert und zudem für Eltern wegweisend ist. «Was mich beeindruckt, ist, dass die Stiftung in Abklärungsberichten auch deutlich macht, wenn ein Kind bei wahrnehmung.ch nicht am richtigen Ort ist. Die Stiftung sucht nicht auf Biegen und Brechen Kundschaft.» Wenn ein Kind in eine Therapie aufgenommen werde, würden nur so viele Sitzungen durchgeführt wie nötig. Edith Tinner streicht auch besonders die Tatsache heraus, dass die Therapeutinnen und Therapeuten der Stiftung zu den Familien nach Hause gehen und den Eltern ihre Unterstützung anbieten. Ein Punkt, der sonst oft vernachlässigt wird, ist Edith Tinner überzeugt.

Metzgerin, Köchin, Pöstlerin. Oder doch Lehrerin?

Aus ihr sollte einmal eine Lehrerin werden, das war ihr schon früh klar. Sie selbst ging «mega gern» zur Schule, spielte zu Hause «Lehrerlis» und hatte in der Mittelstufe diesbezüglich einen Förderer. Ihr Lehrer war ebenfalls überzeugt, dass Pädagogin genau das Richtige sei für sie. Während der Sekundarschule dann die Richtungsänderung: Metzgerin, Pöstlerin, Köchin wollte sie werden, nur nicht Lehrerin. Vielleicht lag es unbewusst auch an der Angst, dass die Familie, die in einfachen Verhältnissen lebte, die Kosten für die Ausbildung gar nicht tragen konnte. Vielleicht schaffte sie sich einfach auch eine gesunde Distanz zu ihrem Kindheitstraum. Da kam der ehemalige Mittelstufenlehrer wieder ins Spiel und stellte erneut eine Weiche. Er rief Edith Tinners Mutter an und meinte: «Gell, du schickst Edith ans Lehrerseminar?» Er wäre sogar bereit gewesen, bei finanziellen Schwierigkeiten Unterstützung zu bieten.

Definitiv im richtigen Beruf, aber…

So kam es, dass sich die junge Frau am Lehrerseminar Sargans für ihren ursprünglichen und wieder neu erwachten Berufswunsch fit machte. Nach der Ausbildung übernahm sie eine Stelle als Mittelstufenlehrerin an der Mehrklassenschule in Oberegg (AI). Vom Sozialen her eine tolle Sache. Aber der politische Druck war enorm. Dreimal wurde im Dorf abgestimmt, ob die Schule aus finanziellen Gründen geschlossen werden sollte. Dreimal bangen um die eigene Stelle war für die junge Frau genug. Zudem hatte sie den Wunsch, die Kinder noch besser zu verstehen. Ein Studium in Schulpsychologie schien ihr sinnvoll. Ihr damaliger Schulinspektor, der auch als Logopäde tätig war, empfahl ihr allerdings die Ausbildung zur Logopädin. Ohne genau zu wissen, was sie erwarten würde, startete sie 1990 ihr Studium. Die Mischung aus Medizin, Psychologie und Pädagogik faszinierte sie von Beginn weg.

Edith Tinner im Gespräch mit einer KolleginEdith Tinner im Gespräch mit einer Kollegin

Das unvergessliche Schoggimousse

Während des Studiums lernte sie das Affolter-Modell® kennen. Sie erinnert sich bestens: «Ich musste ein Schoggimousse machen. Hinter mir sass eine Person und führte jede meiner Bewegungen. Das war der absolute Horror für mich. Richtig schlimm!» Aber sie setzte sich immerhin ein erstes Mal mit der Wahrnehmungsproblematik auseinander und wurde für das Thema sensibilisiert. Später lernte sie ein Kind kennen, das bei wahrnehmung.ch eine Therapie besuchte, und konnte erstaunliche Fortschritte und Veränderungen beobachten. Weitere Erfahrungen überzeugten sie und seither weist sie immer wieder Kinder für eine Abklärung nach St. Gallen an die Florastrasse. «Ich beobachte, dass in den letzten fünf, sechs Jahren Wahrnehmungsprobleme bei Kindern zugenommen haben. Wir haben mit wahrnehmung.ch eine qualifizierte Stelle ganz in der Nähe. Wir sollten dieses Angebot unbedingt nutzen», meint Edith Tinner aus Überzeugung.

Überzeugungsarbeit bei den Eltern

Mit Schulpsychologinnen und Logopäden, die die Anträge für eine Abklärung einreichen, ist sich Edith Tinner jeweils einig. Oft müssen aber Eltern von der Dringlichkeit einer Abklärung überzeugt werden. Gerade die, deren Kinder bislang ohne nennenswerte Fortschritte andere Therapien besucht haben, zeigen gewisse Vorbehalte gegenüber wahrnehmung.ch. Zu Recht, meint Edith Tinner, denn jede Therapie bedeutet, sich neu einzulassen: auf Menschen, Räume und Therapieformen. Das ist anstrengend, für Kinder genauso wie für Eltern.

Freude an Fortschritten

Es gibt aber auch diejenigen Eltern, die eine weitere Therapie als Chance sehen. Kürzlich lernte Edith Tinner eine Familie kennen, die in erster Linie dankbar war, dass ihr Kind eine ihm angepasste Therapie besuchen konnte. Das Verhalten des Knaben war sowohl zu Hause wie auch im Kindergarten äusserst auffällig: Er war laut, in seinen Bewegungen unkontrolliert. Er konnte mit Gegenständen kaum umgehen und Nähe und Distanz einzuschätzen war für das Kind nahezu unmöglich. Für Edith Tinner wurde im Gespräch mit der Kindergärtnerin schnell klar, dass eine Abklärung bei wahrnehmung.ch der nächste Schritt sein musste. Seit einiger Zeit ist der Junge nun in einer Therapie, seine Eltern fahren mit ihm alle zwei Wochen nach St. Gallen. Nach den Sommerferien wurde er in die Einführungsklasse eingeschult. Ein Schritt, der vor einem Jahr noch undenkbar war.

Das liebe Geld

Solche Schritte kosten Geld. «Im Kanton Appenzell Innerrhoden sind wir in einer privilegierten Situation. Der Kanton übernimmt die Kosten für die Therapie», erklärt Edith Tinner. Natürlich sei auch da das Budget beschränkt. «Aber wenn ein Kind eine spezifische Therapie braucht, muss das möglich gemacht werden! Ich bin überzeugt: Je früher die passende Therapie gefunden wird, umso besser. Und umso günstiger. Es macht auch finanziell gesehen keinen Sinn, über lange Zeit abzuwägen, ob und welche Therapie nun die wirkungsvollste sein könnte.»

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Edith Tinner ist 60 Jahre alt, studierte Pädagogin und Logopädin und ist seit 17 Jahren Leiterin des Amts für pädagogisch-therapeutische Dienste. Sie ist zuständig für die Beurteilung und Bewilligung von Anträgen für pädagogisch-therapeutische Massnahmen. Tinner ist verheiratet und wohnt seit 15 Jahren in Appenzell. Musik, Lesen und Theater gehören genauso zu ihren Leidenschaften wie das Reisen.

Lehrreich.

Grundkurs Affolter-Modell®

Basismodul (APW-anerkannt) St. Gallen

St. Gallen: 14.04.2019 – 31.01.2020

 

Wir entwickeln gemeinsam Verständnis für Menschen mit einer Wahrnehmungsproblematik. Dabei vertiefen Sie in diesem Basismodul die theoretischen und praktischen Grundzüge des Affolter-Modells®, die Sie im Einführungsmodul kennen und anwenden gelernt haben.

 

Referenten, Termine, Ort, Kosten, Anmeldung: Hier erfahren Sie alles.

Grundkurs Affolter-Modell®

Einführungsmodul (APW-anerkannt)

St. Gallen: 08. – 12.07.2019

 

 

Referenten, Termine, Ort, Kosten, Anmeldung: Hier erfahren Sie alles.

Weiterbildung Affolter-Modell®

Weiterführender Kurs (APW-anerkannt)

St. Gallen: 15. – 19.07.2019

 

 

Referenten, Termine, Ort, Kosten, Anmeldung: Hier erfahren Sie alles.

«4. Affolter-Tag»

Einblicke in verschiedene Anwendungsgebiete des Affolter-Modells®

Samstag, 24. November 2018, 08.45 Uhr, Therapie-Schulzentrum Münchenstein

Vorträge und Workshops für Angehörige, Betroffene und Berufsleute Zu allen Veranstaltungen finden Sie weitere Informationen auf der Website der Arbeitsgemeinschaft pro Wahrnehmung www.apwschweiz.ch.

 

Hintergründig.

wahrnehmung.ch: Best Practice im Bereich Beratung und Unterstützung.

Dieser Artikel erschien im Januar 2018 im Mitteilungsblatt der Konferenz der schulischen Heilpädagoginnen und Heilpädagogen der Kantone St. Gallen und Appenzell Innerrhoden. Stefan Herzer hat sich mit Brigitte Pastewka von der Stiftung wahrnehmung.ch getroffen.

Brigitte Pastewka ist in Fahrt. Unter dem Arm klemmen ein Laptop und eine Tasche voller Arbeit. Die Begrüssung ist herzlich und ohne Umschweife kommt sie zur Sache. Den vorbereiteten Fragen kommt sie zuvor, indem sie gleich loslegt. Sie bemerkt, es sei wohl am besten, ich verschaffe mir mittels eines kurzen Filmes am Laptop ein erstes Bild ihrer Beratungstätigkeit.

Jacke ausziehen als Herausforderung

Aus einer heilpädagogischen Institution werden mehrere kleine Szenen gezeigt. In einer ersten kommt ein Mädchen im Rollstuhl in die Schule und im Beisein mehrerer erwachsener Personen ist man ihm in der Garderobe beim Ausziehen der Jacke behilflich. Offenbar, so informiert die Stimme des Sprechers, ist dies eine schwierige Situation, die öfter eskaliert. Eine der Personen entpuppt sich als Ergotherapeutin, eine weitere als Klassenlehrerin und eine dritte als die Beraterin der Stiftung wahrnehmung.ch. Auch sie legt mit Hand an. Das tut sie so, so der unterlegte Kommentar, dass sie die Reaktionen des Kindes spüren kann. «Diese Erfahrungen lässt sie in die Beratung einfliessen. Hier zieht man zum Beispiel die Jacke in einer Nische aus. Die Wand hinten und auf der Seite bietet dem Kind mehr Sicherheit. Dadurch gelingt es ihm eher, sich mit den Veränderungen beim Ausziehen der Jacke auseinanderzusetzen. Diese kann das Kind so besser einordnen. Das Ausziehen der Jacke wird kontrastvoll und deutlich strukturiert, damit es den Bewegungen eine Bedeutung beimessen kann. Wir leiten jeweils mehrere Mitarbeiterinnen in der praktischen Arbeit mit dem Kind an. So wird der Übertrag in den Alltag unterstützt. Wichtig ist die gemeinsame Auswertung der praktischen Sequenz.»

Kein Fall ist wie der andere

Brigitte Pastewka stoppt den Film und ergänzt: Unsere Beratungen betreffen grundsätzlich Einzelfälle. Im vorliegenden Fall handelt es sich um ein Mädchen, das uns aus der Frühförderung bereits bekannt war. Es ist in etwa 95% der Fälle so, dass wir das betreffende Kind, um das es in der Beratung geht, aus der Therapie kennen. Wir sind spezialisiert auf Kinder mit Wahrnehmungsproblemen. Das schränkt unser Tätigkeitsgebiet natürlich ein. Nicht in jeder Klasse, auch nicht in jeder Klasse einer heilpädagogischen Schule, sitzt ein Kind, das in unser Spektrum fällt. Erst recht nicht in jeder Regelklasse. Wir beraten aber fallweise auch Regelschulen. Die Schule, in der wir den Film gedreht haben, ist typisch für eine von zwei Beratungssituationen, die wir antreffen. Die einen Institutionen buchen einen Beratungsauftrag, der regelmässige Termine beinhaltet. Da sind wir einmal pro Quartal oder einmal pro Monat da. Das kostet natürlich etwas. Eine andere Gruppe von Schulen hat vielleicht eine erfolgreiche Beratung erlebt und sistiert dann den Auftrag bis auf Weiteres. Die melden sich immer dann wieder, wenn’s brennt. Das ist dann jeweils eine grosse Herausforderung.

Erst einmal eine Standortbestimmung

Gewissermassen beginnen wir in diesen Fällen wieder von vorn. Wenn wir eine Beratung neu aufgleisen, gehen wir stets nach demselben Muster vor. Ich zum Beispiel höre mir am Telefon zunächst die Schilderungen der Ratsuchenden an. Manchmal ist es wirklich dramatisch, es wird geschluchzt und drauflosgeredet. In der Regel wird erst mal nur klar: Es geht um herausforderndes Verhalten. Aber das ist nur die erste Phase. Das Abladen. Danach schicke ich den betroffenen Lehrkräften einen Fragebogen zu. Der geht sehr ins Detail. Ein wenig ist der zirkulär aufgebaut wie ein psychologischer Test. Ich suche dabei nach Gesetzmässigkeiten, nach Vorbedingungen, die erfüllt sein müssen, damit die Schwierigkeiten auftreten. Ich frage: «Wann tritt das Verhalten auf? Um welches Verhalten handelt es sich genau? Um welche Uhrzeit genau? An welchen bestimmten Tagen? In welchem Kontext? Wer ist dabei? Welche Personen genau? Wer nicht? Wer ist davon betroffen? Wer nicht? Wie laut war es im Raum?» – Ich versuche damit einerseits, so viel Information wie möglich zu erhalten.

Perspektivenwechsel für die Involvierten

Fast wichtiger aber ist es, dass die Ratsuchenden damit auf die Beobachtungsebene heruntergeholt werden. Wenn die Leute im Alltagsstress sind, müssen sie erst mal dazu gebracht werden, einen Schritt aus der Betroffenheit heraus zu machen, sodass sie die Sache tatsächlich sachlich angehen können. Es bringt nichts zu hören: «Das Kind ist aggressiv!» Das sind Zuschreibungen. Erst wenn wir am Punkt sind, wo wir über konkretes und beobachtbares Verhalten sprechen, kann ich mit der eigentlichen Beratung ansetzen.

Miteinander Ziele setzen

Dann erfolgt eine Vorbesprechung. Auch dabei ist es wichtig, dass die Betroffenen am Boden bleiben. Es gilt, sich Ziele zu setzen. Diese dürfen nicht zu hoch gesteckt werden, sonst ist die Frustration vorprogrammiert. Sehr wichtig ist dabei auch, die Beteiligten als Fachpersonen anzusprechen. In vielen Fällen, die wir bearbeiten, geht es ganz klar um Menschen mit Autismus. Da gehe ich hin und repetiere mit den Mitarbeitenden, was sie über das Phänomen Autismus wissen. Damit bewege ich mich aus der Rolle derjenigen heraus, die Anweisungen gibt, und trete in den fachlichen Diskurs. Es sind ja gerade die Basics, die eigentlich jede Fachperson kennt, die einem im Alltag aus dem Blickfeld geraten. Man hat in einer Klasse nicht bloss das Kind, welches dieses bestimmte auffällige Verhalten zeigt, sondern noch viele andere, die ebenfalls nach Aufmerksamkeit verlangen. Auf jeden Fall verändert sich durch die fachliche Auseinandersetzung die Perspektive der Ratsuchenden. Die Mitarbeitenden sind allesamt Fachleute und wissen eine Menge. Wenn sie sich darauf besinnen, kommen sie ganz von selbst auf Lösungsansätze.

Erste Analyse im Klassenzimmer

In der Arbeit in der Klasse verwende ich wenn möglich Videoaufnahmen. Auch dies hat den Vorteil, dass man dadurch Material erhält, womit man auf der Beobachtungsebene arbeiten kann. Das ist nicht immer möglich. Dann verwende ich einen klassischen Beobachtungsbogen mit einer Zeiteinteilung, einer Spalte für reine Beobachtungen am Kind, einer mit den Reaktionen der übrigen Beteiligten. Natürlich ergibt sich hierbei die Schwierigkeit der Formulierungen. Wenn ich meine Notizen mit der Lehrkraft bespreche, darf es nicht passieren, dass sie diskreditiert wird. Gewissermassen ist ja auch die Lehrkraft ein Mensch, der in seiner Alltagswirklichkeit abgeholt werden will, sodass er überhaupt Veränderungen initiieren kann.

Der Blick von aussen

Wenn man, wie ich, von aussen kommt, dann fallen einem Dinge auf, die den Beteiligten in ihrem Alltag völlig normal vorkommen. Zum Beispiel sehe ich als Neuling in einer Situation zunächst die räumlichen Gegebenheiten. Es fällt mir zum Beispiel auf, welche Wege ein Schüler während einer Unterrichtssequenz macht. Ich habe da einen wirklich bezaubernden Jungen, der in der Regelschule integriert ist. Die Lehrerin hat das gut gemacht und ihm einen Einzelplatz ganz in ihrer Nähe zugewiesen, weil es an einem Doppelpult überhaupt nicht klappte. Dann und wann steht er auf und zeigt der Lehrerin seine Arbeit und holt sich Lob ab. Nun sitzt die Klasse in einem grossen «U». Und statt auf direktem Weg zu seinem Platz zurückzugehen, wandert mein Schützling aussen rum und probiert dabei gerne etwas «Ursache-Wirkungs-Beziehungen» aus, stösst den einen an, gibt anderswo Kommentare ab, provoziert etc. Das hat sich quasi eingebürgert, fällt niemandem mehr auf – der Junge ist einfach ein Störenfried für alle. Wenn man ihn nun anweist, direkt an seinen Platz zurückzugehen, ergeben sich viel weniger Störungen. Oft sind es Kleinigkeiten und keine schweren Themen, die den Unterschied ausmachen.

Zusammenfassend heisst das:

  1. Jeder Fall ist ein Einzelfall – auf dieser Erkenntnis baut die ganze Beratung auf.

  2. Es geht darum, einen fachlichen Zugang zum Problem zu schaffen.

  3. Die beteiligten Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter müssen in ihrer persönlichen und fachlichen Wirklichkeit ernst genommen werden.

Sind diese Prämissen erfüllt, so kann eine Beratung erfolgreich sein.

Die Stiftung als Vermittlerin zwischen Eltern und Schule

Natürlich braucht es auch äussere Bedingungen, die erfüllt sein müssen. Es gibt Fälle, da sind wir nicht Beratende, sondern Appellierende. Das ist zum Beispiel der Fall, wenn Eltern von Kindern, die bei uns in Therapie sind, an uns gelangen mit Klagen, dass es in der Schule schlecht laufe. Wir gelangen dann an die Schulen und bitten um ein Gespräch. Da sind die Voraussetzungen grundlegend anders. Meist aber geht es von den Lehrpersonen aus, und wir werden avisiert. Manchmal sind es auch Schulleitungen, die uns kontaktieren. Sei es, weil eine Lehrkraft Alarm schlägt oder weil sie wissen, dass sie ein Kind integrieren werden, welches eine Diagnose aus dem autistischen Spektrum hat. Die Leitung erkundigt sich dann vielleicht, was für eine Integration vonnöten sei. Das sind dann die 5% der Fälle, wo wir das Kind nicht kennen. Manchmal hilft da schon, dass ich auf Literatur oder weitere Informationsquellen verweisen kann.

Übergänge als eine weitere Hürde

Ein autistisches Kind, das seine Umgebung genau kennt, verursacht meist so lange wenig Probleme, wie sich diese Umgebung nicht verändert. Das macht Übergänge zum Beispiel vom Kindergarten in die Unterstufe oder von einer weiteren Stufe in die nächste zum Problem. Da ist eine Intervention unsererseits am ehesten angezeigt. Es lässt sich aber sagen, dass da meist eine abgebende Lehrkraft ist, welche die schützende Hand über ein Kind hält und uns ins Boot holt − oder eine neue, die sich der Aufgabe bewusst ist und Hilfe sucht.

Das liebe Geld…

Generell stellen wir fest, dass die Finanzen eine sehr grosse Rolle spielen. Die Formen von Integration oder Inklusion, die gegenwärtig salonfähig sind, stellen alle Beteiligten vom Kind über die Eltern bis zu den Lehrkräften vor hohe Anforderungen. Ich bin mir nicht immer sicher, ob bei der Frage um integrative oder separative Beschulung das Kindswohl wirklich das entscheidende Kriterium ist. Dass die Begleitung eines Kindes mit besonderen Bedürfnissen auf jeden Fall etwas kostet, wird den Schulträgern erst langsam bewusst. Sicher ist eine gelungene Inklusion eine gute Sache und spart letzten Endes auch Kosten ein, aber es ist auch eine Investition, die man tätigen muss. Ich frage mich tatsächlich, ob die heutigen Integrationsmodelle genügend abgefedert sind. Ich erlebe oft, dass es gerade die engagierten Lehrkräfte sind, die an der Aufgabe auszubrennen drohen.

Zusammenschluss von Beratenden

Natürlich ist mein Visus auch ein spezieller. Ich arbeite seit 1991 mit dem Affolter-Modell®. Aber das ist auch nur eine Herangehensweise von vielen. Da gibt es noch die Verhaltenstherapie, die mit dem TEACCH-Modell auch eine sehr interessante Methode entwickelt hat. Oder es kann wichtig sein, in der Beratung Erfahrungen mit dem Umgang mit Verhaltensschwierigkeiten aus dem ADHS-Spektrum einzubringen. Mir schwebt vor, dass sich Fachleute aus verschiedenen Richtungen zu einem Beraterkreis zusammenschliessen und sich Ratsuchende dann das heraussuchen können, was ihnen in ihrer Alltagswirklichkeit am besten weiterhilft. Oft sind Probleme komplex und von mehreren Faktoren abhängig. Ausagierendes Verhalten kann zum Beispiel in Wahrnehmungsschwierigkeiten begründet liegen, daran arbeite ich. Es muss aber auch ein Verhaltensmanagement geben, denn nur die Gründe zu kennen, ändert das Verhalten nicht unbedingt. Also wäre auch jemand mit diesem Fokus sicher nützlich. Wir haben so etwas an einem Kurs für Eltern verwirklicht. Der läuft nun schon seit Jahren sehr erfolgreich. Das Konzept ist zwar etwas aufwändig, funktioniert aber grossartig.

Drei verschiedene Perspektiven auf eine Sache

Da sind von Anfang an drei Kursleitungen mit dabei. Jemand von uns, jemand mit dem TEACCH-Ansatz und noch jemand aus der unterstützten Kommunikation. Aber auch das funktioniert nur, wenn sich die Experten untereinander austauschen und voneinander wissen. Im schulischen Alltag ist es nicht sinnvoll, dass eine Lehrkraft z.B. den Affolter-Ansatz als solchen übernimmt. Eine Lehrerin muss keine Affolter-Therapeutin sein, um mit Kindern mit Wahrnehmungsproblemen arbeiten zu können. Es ist deshalb auch nicht konstruktiv, wenn eine Beraterin als «bessere Lehrkraft» auftritt, sondern sie soll ganz klar Expertin für ein ganz bestimmtes, eingegrenztes Gebiet sein. Die Rollen müssen klar sein, sonst kann ein ungesundes Gefälle entstehen. Je näher die Rollen einander sind – beispielsweise wenn Sonderklassenlehrpersonen Regelschullehrpersonen beraten –, umso sorgfältiger muss die beratende Person auftreten. Interessanterweise sehe ich grosse Unterschiede, je nachdem ob ich in einer Wohnsituation mit Sozialpädagoginnen und Sozialpädagogen arbeite oder ob ich es mit Lehrpersonen zu tun habe. Im Schulbereich scheint die Abgrenzung schwieriger zu sein. Vielleicht warten Lehrpersonen deshalb oft viel länger zu, bis sie sich Hilfe holen.

Kein zusätzliches «Ämtli» für Lehrpersonen

Beratung und Unterstützung sind anspruchsvolle Aufgaben. Zum einen erfordert das, dass man die nötigen Zeit- und Personalressourcen überhaupt zur Verfügung stellen kann. Dazu braucht man eine relativ hohe Personaldichte. Naturgemäss sind Beobachtungen von Schülern ja bloss zu Schulzeiten möglich, zu denen Lehrkräfte im Allgemeinen auch arbeiten. Das muss wirklich sorgfältig durchdacht werden. Zum anderen ist es auch in methodisch-didaktischer Hinsicht etwas Neues, was da auf die Sonderschulen zukommt. Wie ich bereits schilderte, muss die beratende Person Kompetenzen im Bereich Gesprächsführung, Rollenklärung, Didaktik mit Erwachsenen etc. mitbringen. Es reicht nicht, ein guter Sonderschullehrer oder eine gute Heilpädagogin zu sein. In der Beratung finde ich ein grundlegend anderes Setting vor als in der Arbeit mit Schülerinnen und Schülern. Ich bin daher der Meinung, Beraterinnen und Berater müssten über eine Ausbildung in Erwachsenenbildung verfügen. Bei uns hat eine Kollegin eine Mediatorenausbildung, eine andere eine Ausbildung in systemischer Psychologie und ich selbst bin Erwachsenenbildnerin. Alleine aus der Therapieerfahrung heraus, oder weil ich vor Jahren selbst einmal Lehrerin gewesen bin, könnte ich diesen Job nicht mit gutem Gewissen machen.

Nötige Aufwertung der Beratung und Unterstützung

Ich freue mich und begrüsse, dass die Themen im neuen Sonderpädagogischen Konzept stärker gewichtet werden. Das ist eine entscheidende Gelingensbedingung für die Integration von Kindern mit besonderen Bedürfnissen. Aber ich habe auch gewisse Zweifel, ob das Konzept schon zu Ende gedacht ist. Es muss allen Beteiligten klar sein, dass die Sache ans Budget geht. Ein professionell aufgezogenes Beratungsangebot hat seinen Preis. Auf der anderen Seite muss für gutes Geld auch etwas Adäquates geboten werden. So einen Auftrag an Land ziehen zu können, kann für Sonderschulen durchaus verlockend sein, doch sie stehen dadurch natürlich in der Pflicht − den Ratsuchenden, aber auch dem eigenen Personal gegenüber. Die Ratsuchenden erwarten, dass ihnen die Beratung rasche Verbesserungen bringt. Und den Leuten aus den Sonderschulen, welche die Beratung durchführen, müssen die nötigen Ressourcen wie Zeit, Ausbildung etc. zur Verfügung gestellt werden. Ich bin sehr gespannt, wie sich diese Sache entwickeln wird. Es ist auf jeden Fall eine grosse Chance mit dem neuen Sonderpädagogik-Konzept – und man sollte sie unbedingt nutzen.

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