Portrait.

Dr. Félicie Affolter

«Wenn ich das Zeug dazu gehabt hätte, wäre ich Frauenrechtlerin geworden.»

Ein Leben für die Wahrnehmung: Dr. Félicie Affolter Sequenzen aus ihrem Werdegang, ihrer Forschungsarbeit und ihrem Alltag.

Wenn man von Wahrnehmung spricht – und von Wahrnehmungsproblematik oder auch von «Wahrnehmungsstörungen», dann verknüpft man diese Begriffe ganz automatisch mit einem Namen: Dr. Félicie Affolter.

Wer ist diese Frau, von der alle mit grossem Respekt, ja zum Teil sogar mit Ehrfurcht reden? Die von den einen als «positiv» und «dynamisch» und von anderen als «schwierig» und «unnahbar» empfunden wird?

Wir machen die Probe aufs Exempel und uns auf nach Disentis/Mustér, weit hinten in der Surselva, dem Bündner Oberland. Allein schon die Fahrt ist eine Reise wert. Der Zug fährt durch eine Kulisse, wie sie nur die Natur kreieren kann: die Rinaulta – ein Spektakel aus Bergen und Felsen und Steinen und Geröll, aber auch Wäldern oder zumindest einzelnen Bäumen und Büschen, durch das sich einerseits der Rhein zwängt und andererseits die Geleise der Rhätischen Bahn.

Gewissermassen schwierig wird es dann tatsächlich – bei der Orientierung. Zwar verkündet unten am Bahnhof ein Werbeplakat «Der Weg nach oben» und macht damit auf das Kloster Disentis und sein Gymnasium aufmerksam. Doch die Wohnadresse von Dr. Félicie Affolter liegt abseits und leicht versteckt. Sowohl am Briefkasten als auch an der Haustüre vermissen wir ein Namensschild, und selbst die Klingel suchen wir vergebens. Also ergreifen wir den Eisenring und schlagen damit beherzt gegen die Türe. Sie wird augenblicklich geöffnet.

In Empfang nehmen uns drei neugierige, erwartungsfreudige Augenpaare, die – wie wir später erfahren – drei Generationen repräsentieren: Dr. Félicie Affolter, Michele Affolter (einer ihrer Neffen) und Mario (dessen Sohn).

Félicie Affolter wirkt auf mich alles andere als unnahbar – ganz im Gegenteil. Wir werden sehr herzlich begrüsst, und alsbald sitzen wir bei einer Temperatur von gefühlten 14 Grad auf dem Balkon – vis-à-vis der Hausherrin, die zu unserer Überraschung in einem kurzärmeligen Baumwollleibchen Platz nimmt, während wir Unterländer froh um unsere Windjacken sind.

Wie üblich will ich meine Gesprächspartnerin bei der persönlichen Begegnung kennenlernen und ergründen. Ich «google» sie also weder vorher noch nachher. Und ich notiere mir auch nicht die Fragen, die ich stellen will.

Ebenfalls wie üblich erkundige ich mich als allererstes nach dem Geburtsdatum, um davon ausgehend der weiteren Chronologie zu folgen. Tonaufnahmen mache ich keine, weil dies der Gesprächsbereitschaft abträglich ist. Und die Gesprächszeit limitiere ich im Voraus auf maximal 90 Minuten.

Wie erwartet ist diesmal alles ein wenig anders. Das Gespräch dauert zwei volle Stunden – und doch reicht diese Zeit bei weitem nicht aus, um «das ganze Leben» in Erfahrung zu bringen. Dazu müssten wir Félicie Affolter eine ganze Reihe von Besuchen abstatten – und ein Buch über sie schreiben.

Immer wieder sagt Félicie Affolter: «Das wäre auch so eine Geschichte.» Oder: «Das wäre eine lange Geschichte.»

Wir lauschen gerne Geschichten, und wenn Sie gerne Geschichten lesen, dann erfahren Sie im Folgenden eine um die andere.

Die Geschichte von der Gallus-Apotheke.

Die Mutter von Félicie Affolter war eine richtige St. Gallerin – hier aufgewachsen. Der Vater war Apotheker. Ihm gehörte die Gallus-Apotheke am Oberen Graben 22 – «die steht immer noch».

Die Geschichte vom Mädchen, das ein Jahr früher zur Schule ging als alle anderen.

Félicie Affolter wurde in St. Gallen geboren – zuhause, wie das üblich war («damals sind die Mütter nicht einfach alle in das Spital gegangen»). Was damals genauso üblich war: der Schuleintritt mit sieben Jahren – nachdem man sich im Alter von sechs Jahren in der Schule vorgestellt hatte. Félicie Affolter hatte einen um zwei Jahre älteren Bruder. Dieser war mit dem Sohn des Schulvorstehers befreundet. «Wenn dann meine Schwester kommt, soll dein Vater sie in die Schule aufnehmen», wies der Bruder den Freund an – «wohl damit er den Schulweg nicht allein gehen muss». Der Schulvorsteher begrüsste Félicie Affolter mit den Worten: «Das ist also das Mädchen, dessen Bruder will, dass sie mit sechs Jahren in die Schule geht.» Die Folge davon: Félicie Affolter war stets die Jüngste. «Allemal», erinnert sich Félicie Affolter, «muss ich eine gute Schülerin gewesen sein», wobei sie anmerkt: «Ich selber habe das nicht gemerkt.» Nach der Primarschule besuchte Félicie Affolter die «Flade», die katholische Sekundarschule, die in St. Gallen denselben Kultstatus geniesst wie die Bratwurst und die Olma.

Die Geschichte vom Lehrerseminar in Rorschach.

«Wir waren eine ganz kleine Klasse – nur 12 Schülerinnen und Schüler.» Der Grund: «Als wir ins Semi kamen, hatten sie wieder einmal einen Lehrerüberfluss. Als ich aus dem Semi kam, hatten sie wieder einmal einen Lehrermangel. Ich weiss nicht, wer die Statistiken damals geführt hat.»

Die Geschichte vom Lauf der Dinge.

«Ich habe die Dinge gewöhnlich an mich herankommen lassen – und nicht im Voraus gewusst, was passieren wird.» Im Rahmen ihrer Semi-Ausbildung ging Félicie Affolter auf Schulbesuche – und u.a. nach St. Gallen an die Gehörlosenschule. «Die gehörlosen Kinder und wie man versucht hat, ihnen Sprache beizubringen, das hat mir ungemein Eindruck gemacht.» Das Fazit nach diesem Besuch: «Das ist ja eine spannende Aufgabe.» So spannend, dass sich Félicie Affolter für eine Stelle an der Gehörlosenschule interessierte. Sie wandte sich an «den Direktor Ammann» und erhielt den Bescheid, dass keine Stelle frei sei.

Die Geschichte von der «Taubstummenanstalt».

Die Behindertenschulen, klärt uns Félicie Affolter auf, wurden in der Zeit der Aufklärung gegründet. Die Gehörlosenschulen trugen in ihren Anfängen die Bezeichnung «Taubstummenanstalt». Félicie Affolter vermag sich darüber heute noch ordentlich zu echauffieren: «Nur schon das Wort Anstalt - und dann noch taub und stumm.»

Die Geschichte, warum Félicie Affolter in Genf bei Jean Piaget studierte. Und was das mit Gleichberechtigung zu tun hat.

Zum Glück gab es an der Gehörlosenschule St. Gallen keine freie Stelle (siehe oben). Denn das führte dazu, dass Félicie Affolter mit der Tochter des früheren Lehrerseminardirektors ins Gespräch kam: Bärbel Inhelder. Bärbel Inhelder hatte bei Jean Piaget in Genf studiert und war seine Assistentin. Sie gab Félicie Affolter den Rat, ebenfalls zu studieren – ebenfalls in Genf bei Jean Piaget. «So kam ich nach Genf und habe angefangen, Entwicklungspsychologie zu studieren. Das war 1946/47.» Studentinnen waren zu jener Zeit an den Universitäten sozusagen species rara. Félicie Affolter sagt in diesem Kontext: «Ich bin in meinem Leben oft an Mauern geraten.» Zerbrochen ist sie daran nicht. Und für einen Moment blitzt ihre unentwegte Kampfbereitschaft auf: «Wenn ich das Zeug dazu gehabt hätte, wäre ich Frauenrechtlerin geworden.» Bärbel Inhelder wiederum schrieb ihre Lizentiatsarbeit über den schulpsychologischen Dienst und gründete den Schulpsychologischen Dienst in St. Gallen. Auf dessen Homepage kommt diese Pionierleistung aktuell in einem dürren Sätzli und namenlos zum Ausdruck: «1939 – Gründung des Schulpsychologischen Dienstes (SPD) im Kanton St. Gallen mit einer Schulpsychologin.» Félicie Affolter sollte die Frauenrechtlerin in ihr vielleicht doch noch einmal kitzeln.

Die Geschichte, wie Félicie Affolter nach St. Gallen zurückkam – um nach Heidelberg zu gehen.

Nach einem Jahr «Genf» wurde an der Gehörlosenschule St. Gallen die begehrte Stelle frei. Félicie Affolter hatte in Genf ein «Cértificat» erworben und wurde angestellt und versah die Arbeit während einiger Jahre – bis 1952. Deutschland hatte sich vom Krieg langsam erholt. Es gab eine erste Zusammenkunft von Gehörlosenlehrern, an der auch Direktor Ammann von der Gehörlosenschule St. Gallen als Vertreter der Schweiz teilnahm. Er brachte frohe Kunde zurück: Die Deutschen würden wieder einen Lehrgang für Lehrer von Gehörlosenschulen durchführen, und sie würden auch Schweizer aufnehmen. So wie es vor dem Krieg der Fall gewesen war. Félicie Affolter wurde hellhörig: «Ich würde (über die Gehörlosenthematik) gerne mehr wissen», sagte sie erst zu sich und dann zu Direktor Ammann. Er gewährte ihr einen Urlaub von zwei Jahren – und Félicie Affolter landete in Heidelberg, wo sie das Diplom als Lehrerin gehörloser und sprachbehinderter Kinder erwarb. Nach ihrer Rückkehr durfte sie in St. Gallen mit gehörlosen Kindern arbeiten, nachdem sie sich zuvor mit sprachgeschädigten Kindern beschäftigt hatte. «Das hat mir Spass gemacht» – und nach einiger Zeit in ihr erneut den Wunsch geweckt, «noch mehr zu wissen». Félicie Affolter setzte ihr vor einigen Jahren abgebrochenes Studium fort: ein Semester in Genf, vier Semester in Heidelberg und anschliessend ein Abschlusssemester in Genf zum Erwerb der «Licence en sciences d’éducation». Jean Piaget hätte es gerne gesehen, wenn sie ihre Studien für ein Doktorat in Genf fortgesetzt hätte. «Ich habe probiert, ob das mit dem Doktor gehe, wenn man gleichzeitig Schule gibt.» Sie musste sich eingestehen, nicht die dafür nötige Ruhe zu haben. Deshalb sprach sie sich nach ein paar Jahren mit Jean Piaget und seiner Assistentin Bärbel Inhelder aus und reichte danach ein Gesuch für ein Postgraduate-Stipendium in Amerika ein.

Die Geschichte vom Unterschied zwischen hüben und drüben. Und zwischen Weiss und Schwarz.

Félicie Affolter ist von ihrem Studium in Amerika so begeistert, als ob sie ihre Zeit an der Universität von Minnesota gerade erst beendet hätte. Sie lobt die Studienbegleitung, die man in den USA geniesst. «Das war ganz phantastisch. Man hat einen Advisor für das Hauptfach – und sogar einen Advisor für das Nebenfach.» Félicie Affolter bekam von ihrem Advisor den Auftrag, die Bildung von Gehörlosen in Amerika mit der Schulbildung von Gehörlosen in Europa zu vergleichen. Das führte dazu, «dass ich in ganz Amerika herumreisen konnte». Ihre Erinnerung ist hellwach. Sie erzählt, wie sie im Sommer im «Greyhound»-Bus im Osten startete, wie sie im Herbst in den Westen fuhr und der Küste entlang nach Süden. Insgesamt drei Monate. «Ich weiss es noch wie gestern», sagt sie. Die Nacht, in der sie die Grenze von Santa Fe nach Texas überquerte. Die Bushaltestation, die wie fast ausschliesslich üblich in einem Slumquartier lag. Die Schlaftrunkenheit, mit der sie aus dem Bus «herausgewackelt» ist. Und die Inschrift an den Toiletten- und Restauranttüren, die ihr in die Augen stach: «For white women only.» Es war die Zeit der Segregation. Als die Schwarzen nur im hinteren Teil des Busses sitzen durften. Und als der Professor der Studentin aus der Schweiz weismachen wollte, dass sie bei den Schwarzen nichts lernen würde. Das war 1960.

Andreas Prokesch

 

Fortsetzung in den nächsten e-news

  • Die Geschichte vom Professor, der eine falsche Diagnose stellte.
  • Die Geschichte von der Schweizerin, die nicht Amerikanerin werden wollte.
  • Die Geschichte vom Center for Cognitive Sciences der University of Minnesota.
  • Die Geschichte von Forschung und Anwendung.
  • Die Geschichte vom amerikanischen Zeitgefühl.
  • Die Geschichte von der Finanzkrise.
  • Die Geschichte, wie Félicie Affolter nach Disentis/Mustér kam.
  • Die Geschichte vom Haus, das auch ein Auto hätte sein können.
  • Die Geschichte vom Kloster Disentis.
  • Die Geschichte vom Gartenzaun.

 

 Dr. Félicie Affolter

  • Ihre Arbeit und ihre Studien mit hör- und sprachgeschädigten Kindern sensibilisierte sie zunehmend mit dem Bereich Wahrnehmung und deren Bedeutung für die Entwicklung des Kindes.
  • Sie gründete das «Zentrum für Wahrnehmungsstörungen» (heute Stiftung wahrnehmung.ch) in St.Gallen und die «Schule für Kinder mit Wahrnehmungsstörungen».
  • Mehr über ihre Biographie und das Affolter-Modell®: Hofer, A., Das Affolter-Modell®, Pflaum Verlag München, ISBN 978-3-7905-0977-9

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